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Hölderlin-Orte

Hölderlin-Orte | 27.08.2025

Hölderlin in der DDR

von links. Thomas Schmidt, Roland Berbig und Anette Simon

Der Rückzug Hölderlins in den Turm hat den Schriftsteller Gerhard Wolf zeitlebens beschäftigt. Bereits Ende der 1960er-Jahre erschien sein biografisch-poetischer Essay „Der arme Hölderlin“. Nun liegt eine Neuauflage vor, auf Wunsch des 2023 verstorbenen Autors unter dem Titel „Hölderlin im Turm von Tübingen“. Am Mittwoch stellte die Psychoanalytikerin Annette Simon, die Tochter von Gerhard und Christa Wolf, das kleine Buch im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Roland Berbig im Hölderlinturm vor. Es moderierte Prof. Thomas Schmidt, Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg am Literaturarchiv Marbach.

Es sei sehr berührend für sie, im Hölderlinturm zu sein – weil sie wisse, was dieser Ort ihrem Vater bedeutete, sagte Simon. Gerhard Wolf habe ein besonderes Gespür für Außenseiter gehabt, in der Gesellschaft und in der Literatur. Lyrik sei für ihren Vater, dessen Mutter früh starb, seit der Pubertät Lebensrettung und Seelennahrung gewesen. „Er liebte besonders Rilke und Hölderlin.“ In der Bibliothek ihrer Eltern fanden sich 44 verschiedene Hölderlin-Ausgaben, wie man in der Berliner Humboldt-Universität sehen könne, die den Bücher-Nachlass aufbewahrt.

Seinem Versuch über Hölderlin hat Gerhard Wolf zwei Zitate vorangestellt: „Es ist eine unermessliche Kluft zwischen ihm und der ganzen Menschheit“, schrieb Wilhelm Waiblinger einst über den Freund. Anatoli Lunatscharski, Volkskommissar für Bildung in der Sowjetunion, bis Stalin ihn entließ, sah den Dichter als Sprachrohr eines zahlenmäßig geringen Teils der deutschen Jugend, für die es keine Möglichkeit der Anpassung an das bürgerliche Deutschland der napoleonischen Ära gab: „Sie gehen unter, singen dabei jedoch herrliche Lieder über ihren Untergang und markieren damit den weiten Abstand zwischen den fortschrittlichen Schichten der Gesellschaft und der Wirklichkeit.“

Am Ende hat noch einmal Hölderlin das Wort: „Wenn bleicher Schnee verschönert die Gefilde,/Und hoher Glanz auf weiter Ebne blinkt,/So reizt der Sommer fern, und milde/Naht sich der Frühling oft, indes die Stunde sinkt.“

Dorothee Hermann, Schwäbisches Tagblatt, 5.12.25

 

 

 

2024 erschien Gerhard Wolfs Büchlein „Der arme Hölderlin“ (1972) unter seinem Wunschtitel „Hölderlin im Turm von Tübingen“ neu – ein Jahr nach dem Tod des Schriftstellers, Verlegers und Ehemanns von Christa Wolf. Das Werk hat die Hölderlin-Rezeption in der DDR nachhaltig geprägt und hatte so auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die junge Lyrik in der DDR, die Gerhard Wolf gefördert hat wie kein anderer. Viele seiner Initiativen, wie die „Außer der Reihe“-Editionen beim Aufbau-Verlag, entstanden trotz Widerständen und setzten zentrale Impulse für die DDR-Literaturszene.

 

mit

Anette Simon, Schriftstellerin, Tochter von Gerhard Wolf

Prof. Dr. Roland Berbig, emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literatur, Humboldt-Universität Berlin

Prof. Dr. Thomas Schmidt, Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg am Deutschen Literaturarchiv Marbach (Moderation)

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