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Dienstag, 11.12.2018

Lesesport

Lesesport 2

Friedrich Hölderlin: Ganymed (1803)

Was schläfst du, Bergsohn, liegest in Unmuth, schief,
     Und frierst am kalten Ufer, Gedultiger!
          Denkst nicht der Gnade, du, wenn’s an den
               Tischen die Himmlischen sonst gedürstet?

Kennst drunten du vom Vater die Boten nicht,				5
     Nicht in der Kluft der Lüfte geschärfter Spiel?
          Trift nicht das Wort dich, das voll alten
               Geists ein gewanderter Mann dir sendet?

Schon tönet’s aber ihm in der Brust. Tief quillt’s
     Wie damals, als hoch oben im Fels er schlief,			10
          Ihm auf. Im Zorne reinigt aber
               Sich der Gefesselte nun, nun eilt er

Der Linkische; der spottet der Schlaken nun
     Und nimmt und bricht und wirft die Zerbrochenen
          Zorntrunken, spielend, dort und da zum			15
               Schauenden Ufer und bei des Fremdlings

Besondrer Stimme stehen die Heerden auf,
     Es regen sich die Wälder, es hört tief Land
          Den Stromgeist fern, und schaudernd regt im
               Nabel der Erde der Geist sich wieder.			20

Der Frühling kömt. Und jedes, in seiner Art,
     Blüht. Der ist aber ferne; nicht mehr dabei.
          Irr gieng er nun; denn allzugut sind
               Genien; himmlisch Gespräch ist sein nun

Infos

  • Entwurf: überarbeitete Verse 1-21 von „Der gefesselte Strom“, wohl 1802. Neuer Schluss; durchgesehen für den Druck Dezember 1803.
  • Kontext: Neun „Nachtgesänge“, dem Verleger Wilmans Januar 1804 zugesandt. Darin ist „Ganymed“ die Nummer 6, letzte der Oden.
  • Alkäische Ode
  • Ganymed war nach dem griechischen Mythos ein schöner Königssohn und Hirte auf dem als quellenreich berühmten Idagebirge in Phrygien (Kleinasien). Er wurde von Zeus in Gestalt eines Adlers auf den Olymp entführt, wo er als Mundschenk dienen durfte, Unsterblichkeit und Alterslosigkeit erhielt.
  • Etymologisch mitschwingender Wortgebrauch besonders bei Unmuth: mürrische Stimmung, Depression, aber auch Mutlosigkeit, Willenlosigkeit Gedultiger: geduldig, weil er die rechte Zeit abwartet, aber auch alles duldet. gewanderter: jetzt auf seiner Wanderung gekommen; viel herumgekommen; „bewandert“.
  • Linkische: Unbeholfener,Ungeschickter. Stromgeist: beim späteren Hölderlin steht oft Geist für früheres Gott, vgl. auch Z. 24 Genien, d.h. leitende Dämonen, richtungsweisende Führergestalten. Nabel der Erde: Nach Pindar der Erdspalt in Delphi, aus dem die Apollonspriesterin Pythia das prophetische Wissen über den Willen der Götter für die Zukunft schöpfte. allzugut: nicht etwa übermäßige sittliche Gutheit, sondern Überqualifizierung. Der Genius Ganymed Stromgeist hat seine Funktion und Aufgbe erledigt und wäre für ein Weiterwirken allzugut; er kehrt deshalb in den Himmel zurück.

Titel, Zeilen 1-8
1
Wenn er mit Z. 1f. den Bergsohn, einen liegenden (ge)frierenden Fluss anredet und zugleich Ganymed nennt, schreibt Hölderlin den Mythos (s.o.) weiter. Verfolgen Sie diese Weiterschreibung durch das ganze Gedicht, erinnern sich dabei besonders an das Klimagesetz des Wasserkreislaufs und an Hölderlins Absicht, „die Mythe nemlich überall beweisbarer darstellen“ zu können. Welche Beweisbarkeit erhält der Ganymed-Mythos durch dieses Verfahren?
2
Warum liegt ein gefrorener Bergbach schief?
3
Auf wen kann Vater (Z. 5) deuten? Beachten Sie die zweifache Lesemöglichkeit von drunten du vom Vater!
4
Auf wen/was kann sich voll alten Geists beziehen?
5
Wer ist der gewanderte Mann?
6
Charakterisieren Sie in Z. 1-8 die Sprechakte und die Haltung des Sprechers! Bleibt die Haltung von Z. 1-4 in Z. 5-8 erhalten, besonders wenn Sie Ihre Antwort auf Frage 5 bedenken? Wie wird im Lichte des Satzes „Um unsre Weisheit unbekümmert rauschen die Ströme doch auch“ (MA 1, 257) der Sprecher möglicherweise hingestellt? Was würden Sie als Sprecher an dieser Stelle von sich denken?

Zeilen 9-20
7
Charakterisieren Sie den Sprechakt und die Haltung des Sprechers in Z. 9-20.
8
Worauf beziehen sich die ’s in Z. 9?
9
Unterscheiden Sie drei thematische Stufen in Z. 9-20.
10
Passt reinigt zu Gefesselte, eilt zu Linkische, spottet zu Schlaken? Wie verstehen Sie das Verfahren?
11
Wobei entstehen Schlacken? Was ist oft noch darunter? Lassen sich Eisschollen als Schlacken bezeichnen? In welchen Richtungen wird hier (vgl. Frage 10) die Metaphorik des Flusses aufgebrochen (parallel zum Eispanzer!)?
12
Zählen Sie die Wirkungen des Flusses auf, beginnend mit schauenden.
13
Benennen Sie den wachsenden Umkreis der Wirkung.
14
Benennen Sie die Charakterisierungen des Flusses, beginnend mit Gefesselte.
15
Wenn der Stromgeist in seiner Tätigkeit den Geist im Nabel der Erde (s.o.) wecken kann, ist wiederum die Metaphorik aufgebrochen. Wie?

Zeilen 21-24
16
jedes, in seiner Art, Blüht: Worauf macht in seiner Art aufmerksam? Bedenken Sie Ihre Überlegungen zu Fragen 10, 11, 15.
17
Charakterisieren Sie Sprechakt und Haltung des Sprechers. Vergleichen Sie mit Fragen 6 und 7: Entwicklung des Sprechers?
18
Benutzen Sie die Charakterisierung allzugut (s.o.) zur Erläuterung von irr gieng er nun. Worin liegt die Gefahr der Überqualifizierung, Überkraft, Übermacht? Bedenken Sie die Anwendungsbereiche der Flussmetapher nach Frage 10, 11, 15.
19
Lesen Sie den abschließenden Halbsatz laut. Können Sie entscheiden, ob sein Possessivpronomen oder Substantiv ist? Welche Aussagen ergeben sich daraus?
20
Spielen Sie die nach Fragen 10, 11, 15 zum Vorschein gekommenen Sachbereiche und die nach Frage 19 sich zeigende ontologische Bedeutung im ganzen Gedicht probeweise durch.