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Sonntag, 22.04.2018

Lesesport

Lesesport 5

Conrad Ferdinand Meyer: Der römische Brunnen (1882)

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
         Und strömt und ruht.


Infos

  • Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) ringt nach einer schwierigen Kindheit und Jugend unter dem Einfluss seiner neurotisch religiösen Mutter um Selbstständigkeit im Leben, Befreiung von psychischer Krankheit und Anerkennung in der literarischen Welt, die er durch mühsames Abstreifen seiner spätromantischen Subjektivität in der Dichtung erarbeiten muss. Sein Ziel klassischer Objektivität sucht er vor allem durch Studium der Kunst der Renaissance zu erreichen. Zu manchen Gedichten gibt es bis zu 15 Entwürfe und Fassungen. Heinrich Henel: Gedichte Conrad Ferdinand Meyers. Wege ihrer Vollendung (Tübingen 1962) bringt zu Der römische Brunnen sieben Fassungen.Die vierte davon lautet (S. 21):

Der Brunnen (1864 oder 1865)

In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet vor dem harten
Geleucht’ der Mittagssonne,
Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.

Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder,
Sie fluten in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich.
 

Infos

  • Der „römische Garten“ ist der Park der Villa Borghese in Rom. Die Gestalt des Brunnens geht aus dem Gedicht hervor.
  • „Enjambement“: Überschreiten der Vers- oder Strophengrenze inmitten enger syntaktischer Bindungen („der Engel / Ordnungen“ [Rilke], „was so ein Mai-/käfer für ein Vogel sei“ [Busch]).

 
Die frühere Fassung

1
Identifizieren Sie den beschreibenden und den belehrenden Teil des Gedichts.
2
Welche „Lehren“ gibt Meyer?
3
Welche Motive der Beschreibung tragen zur Lehre nichts bei?
4
Welche Wörter und Motive sind offensichtlich nur des Reimes wegen gewählt?
5
Es gibt zwei Enjambements in dem Gedicht. Sind sie für die Lehre sinnvoll?

Die Endfassung

6
Welche Motive der Beschreibung lässt Meyer gegenüber der früheren Fassung weg? Worauf konzentriert er sich?
7
Welche Motive der Beschreibung kommen hinzu? Was leisten sie?
8
Warum kommt das Adjektiv „römisch“ in den Titel? Die erste Fassung (1860) trug den Titel: „Rom: Springquell“ (Henel, 20). Analysieren Sie den Bedeutungszuwachs von „Der römische Brunnen“ gegenüber diesem Titel von 1860 und der Zeile 1 der oben abgedruckten früheren Fassung (vergleichbar Goethe „Elegien. Rom 1788“ und „Römische Elegien“).
9
Vergleichen Sie die „Lehren“ mit denen der früheren Fassung. Vergleichen Sie ihre Formulierungen in beiden Gedichten hinsichtlich der Unterscheidung vom beschreibenden Teil.
10
Inwiefern ist das Enjambement Z. 1f. sinnvoll (vgl. Aufgabe 5)?
11
Was leistet die grammatisch falsche Form „Aufsteigt der Strahl“ (metrisch und grammatisch korrekt wäre „Der Strahl steigt auf“; in einer Fassung von 1870 heißt es: „Der Springquell plätschert“)? Lässt sich die Formulierung nur als Beschreibung eines dauernden Vorgangs lesen? Welche sonstigen Formulierungen suggerieren, dass der Brunnen erst zu laufen beginnt?
12
Berücksichtigen Sie nach „Aufsteigt“ die übrigen im Gedicht beschriebenen Bewegungen. Kommt dadurch eine dritte „Lehre“ zustande?
13
Inwiefern ist die Schlusszeile metrisch und grammatisch „falsch“? Was ist das Subjekt der Verben „strömt“ und „ruht“ (die Zeile lautete 1870: „Und alles strömt und alles ruht“)?
14
Was suggeriert in der Schlusszeile einen Abschluss der Bewegung? Vergleichen Sie die Anfangs-Suggestion nach Aufgabe 11.