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Mittwoch, 25.04.2018

Aufsätze

Abstracts

Die Hölderlin-Gesellschaft gibt an dieser Stelle Autoren die Möglichkeit, ihre Arbeiten zum Werk Hölderlins anzuzeigen und vorzustellen. Es soll der Ort sein, an dem interessierte Leser und Wissenschaftler Einblick nehmen können sowohl in Forschungsbeiträge – Monographien, Aufsätze, Essays – als auch in neue Formen künstlerischer Kreation und Rezeption.

Die als Abstract gedachte Vorstellung soll im Umfang der jeweiligen Arbeit angemessen sein, jedoch zwei DINA 4-Seiten nicht überschreiten.

Wir laden alle Autoren ein, dieses Publikationsforum zu nutzen. Vielleicht gelingt es, à la longue, die Internationale Hölderlin-Bibliographie (www.wlb-stuttgart.de/archive/hoelihb2.htm) durch eine Art kommentierte Auswahl zu ergänzen.

Da nicht immer die Adresse der Autoren zu ermitteln ist, bitten wir Sie ausdrücklich, uns Ihren Abstract auch ohne persönliche Anfrage zu schicken an:

info(at)hoelderlin-gesellschaft(dot)de

oder per Post an die

Geschäftsstelle der Hölderlin-Gesellschaft, Bursagasse 6, 72070 Tübingen.

 

Bitte verwenden Sie beim Schreiben Ihres Abstracts keine Formatierungen. Wir werden die Beiträge redaktionell einrichten. Notwendig sind die genauen bibliographischen Angaben.

 

 

 

Ulf Abraham / Stefan Metzger: Hölderlin im Klassenzimmer. Grundfragen der Literaturdidaktik und methodische Möglichkeiten des Umgangs mit Texten. In: Hölderlin-Jahrbuch 36, 2008-2009, Tübingen 2009, S. 169-191

Hölderlin ist unbestritten ein wichtiger Autor der deutschsprachigen Literaturgeschichte und kommt dennoch im Deutschunterricht kaum vor. Abgesehen von einigen wenigen Kanonstücken wie ‘Hälfte des Lebens’ sind weder seine Werke noch seine Person oder sein Leben Gegenstand in einem Literaturunterricht, der es sich doch zum Ziel setzt, literarisches Verstehen auch an schwierigeren Texten auszubilden und dem historische Kontextualisierung und Epochenwissen ein Anliegen ist.An Überlegungen des Literaturdidaktikers Kaspar H. Spinner zum „literarischen Verstehen“ wird gezeigt, dass und wie Hölderlin zur Herausforderung – im besten Sinn – für den Literaturunterricht werden kann, und es werden Gründe genannt, warum er als eine solche Herausforderung angenommen werden sollte. „Kompetenzorientierung“ im Literaturunterricht ist nicht gleichbedeutend mit „Literaturgeschichte ?light?“! Sodann werden an verschiedenen Texten Hölderlins (u.a. ‘Hymne an die Liebe’, ‘Hyperion’, ‘Diotima’ – 1./3, Fassung) methodische Möglichkeiten des Umgangs mit Texten in einem künftig auch im Bereich des Literaturunterrichts an Bildungsstandards orientierten Deutschunterricht vorgestellt und diskutiert. Diese Vorschläge für die Praxis, die von Hölderlins Leben bis hin zu seiner Poetik ein breites Sprkturm abdecken, werden als Angebot verschiedener „Bausteine“ unterbreitet. Dies lässt dabei den alten Streit als hinfällig erscheinen, ob analytische oder handlungsorientierten Methoden besser geeignet seien, literarische Kompetenz zu vermitteln.

 

Gabriele von Bassermann-Jordan: Zeitgenössisches Allgemeinwissen zur Himmelskunde und Erdbeschreibung. Ein Überblick anhand zweier Rezensionsorgane. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, Tübingen 2007, S. 204-226

In dem Beitrag werden zwei Themenkomplexe vorgestellt, die Entdeckung neuer Himmelskörper in der Astronomie und das Problem der korrekten Längengradbestimmung der Erde.
Im Schlußteil seiner Habilitationsschrift Dissertatio Philosophica de Orbitis Planetarum (1801) bezieht sich Hegel auf die Titius-Bode-Reihe – eine numerische Beziehung, die die Abstände der Planeten zur Sonne aus der Nummer ihrer Reihenfolge herleitet. Die Reihe geht allerdings nur dann auf, wenn man zwei noch unbekannte Planeten annimmt. Diese werden um 1800 aufgefunden: Im Jahr 1781 entdeckt Friedrich Wilhelm Herschel den Uranus; 1801, 1802 und 1804 werden die ersten drei Asteroiden entdeckt. Zahlreiche Publikationen zeugen von der intensiven Beobachtung der neuen Himmelskörper.
Die Bestimmung der geographischen Länge ist eines der größten naturwissenschaftlich-technischen Probleme des 18. Jahrhunderts. Die einschlägigen Rezensionsorgane referieren eine Fülle von astronomischen Beobachtungen – Sonnen- oder Mondfinsternisse, Planeten- oder Fixsterndurchgänge –, aufgrund derer sich der Längengrad errechnen läßt. Gelöst wird das Längenproblem jedoch schließlich mit Hilfe eines Chronometers, den der Engländer John Harrison (1693-1776) entwickelt.

 

Bernhard Böschenstein: Celan und Hölderlin – Gespräch als Gegenwort. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 290-304

Dieser Vortrag vermittelt einen Überblick über Celans innovativen Umgang mit Hölderlin. Gegenüber den bisherigen Interpretationen von ‘Tübingen, Jänner’, diesem für Celans Hölderlin-Bezug zentralen Gedicht, wird hier die Perspektive der Involution, des Rückwärtsgangs zu den Toten, dank den Materialien zur Büchnerpreisrede, angewandt und um das Thema der ‘Immersio’, nach einem Nachlaßgedicht, ergänzt. Celans Silbensprache wird anhand paralleler Beispiele hervorgehoben. Wir haben es mit „Hörresten, Sehresten“ zu tun. Aus dem späten Gedicht ‘ICH TRINK WEIN aus zwei Gläsern’ wird in knapper Skizze Celans Auffassung der Zäsur und sein Umgang mit der jüdischen Mystik dargestellt. Du Bouchets, des kürzlich verstorbenen Freundes, poetologische Deutung von ‘Atemkristall’, dem ersten Zyklus der ‘Atemwende’, tritt hilfreich hinzu.

 

Bernhard Böschenstein: „Auf getrenntesten Bergen“. Mörike und Hölderlin. Zwei unvergleichliche schwäbische Dichter. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 246-263

Vergleiche verwandter Gedichte (z.B. Hölderlins Ode ‘Heidelberg’ und seine Elegie ‘Stutgard’ und Mörikes ‘Besuch in Urach’) bezeugen grundlegende Unterschiede zwischen den nur durch eine Generation getrennten schwäbischen Dichtern : in und über der Geschichte waltenden Göttern tritt der private, individuelle Schmerz eines einsamen Dichters gegenüber. Göttliches Feuer wird zum widergöttlichen, nur zerstörerischen Element. Hymnische Strophen griechischer Lyrik des Übersetzers Hölderlin ersetzt genrehafte, deskriptive Idyllik in Mörikes Übersetzungen aus dem Griechischen. Der späte und der späteste Hölderlin wird von Mörike fast gänzlich verkannt  –  ein Zeichen beengenden Zeitgeists.

 

Marco Castellari: La presenza di Friedrich Hölderlin nell’‘Antigone’ di Brecht. In: Studia theodisca XI. Edidit Fausto Cercignani, Milano 2004, S. 143-182

Vor dem Hintergrund von Brechts gesamter Hölderlin-Rezeption versucht die Studie eine neue Bewertung der ‘Antigone’-Bearbeitung: Die Aufdeckung unbekannter Hölderlinscher Quellen, die Bestimmung der Hölderlin-Ausgabe, die Brecht benutzt hat, und die Relektüre bekannter Textbestände und älterer kritischer Arbeiten aus einem Hölderlinschen Blickpunkt heraus führen zu einer Gesamtdeutung des ersten dramatischen Versuchs Brechts nach der „Rückkehr in den deutschen Sprachbereich“ und zur Anvisierung seiner Bedeutung im Zusammenhang von Hölderlins vielfacher Präsenz als Übersetzer, Dichter und Figur im Theater des 20. Jahrhunderts.

 

Marco Castellari: Hölderlin in Italien. Übersetzer und Dichter zwischen Eifer und Wagnis. In: Studia theodisca XII. Edidit Fausto Cercignani, Milano 2005, S. 147-171

Die Arbeit geht auf einen Vortrag zurück, den der Verf. am 11. Mai 2005 in Freiburg gehalten hat. Nach einem einleitenden Überblick über die breit gefächerte italienische Hölderlin-Rezeption, befaßt sich der Aufsatz hauptsächlich mit den Übersetzungen der Lyrik – von den ersten Beispielen in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zu den neueren Ausgaben – und deren ständiger Wechselwirkung mit der aktiven Rezeption des schwäbischen Dichters bei seinen italienischen Kollegen.

 

Marco Castellari: Rudolf Pannwitz’ ‘Tod des Empedokles’ zwischen Antike, Hölderlin und Nietzsche. In: „der geist ist der könig der elemente“. Der Dichter und Philosoph Rudolf Pannwitz, hrsg. von Gabriella Rovagnati, Overath 2006, S. 165-215

Im Jahre 1906 erschien in der Zeitschrift ‘Charon’ Rudolf Pannwitz’ ‘Tod des Empedokles’, die erste Fassung eines Trauerspiels, das sieben Jahre später in entschieden überarbeiteter Gestalt dessen Pentalogie „Dionysische Tragödien“ einleitete. Beide Texte, die, wie schon ihr Titel verrät, Friedrich Hölderlins viel berühmterem Trauerspiel über den spektakulären Flammentod des Vorsokratikers verpflichtet sind, sind nie Gegenstand kritischer Würdigung gewesen. Diese Arbeit stellt sie erstmals in ihrer Entstehung, Struktur und ihren Themen vor (Teil 1). In einem zweiten Schritt wird ihrer intertextuellen Beschaffenheit nachgegangen, die den Rekurs auf Hölderlin durch andere, Pannwitz ungemein wichtige Quellen wie die Vorsokratiker und Nietzsche anreichert (Teil 2). Auf diesem Weg wird versucht, die literatur- und kulturgeschichtliche Tragweite von Pannwitz’ ‘Empedokles’-Tragödien zu erfassen: Zwischen Hölderlin-Renaissance, Antikerezeption und transformativer Dramaturgie im Zeichen Dionysos’ soll ihnen in historischer Hinsicht die Bedeutung beigemessen werden, die sie ästhetisch nie zu erlangen vermochten.

 

Marco Castellari: Hölderlin im italienischen Theater. In: Estudios Filológicos Alemanes 12, 2006, S. 301-318

Nach einem einleitenden Überblick über Hölderlins kontinuierliche Präsenz im Drama und Theater des 20. Jahrhunderts geht der Beitrag aus kontrastiver Sicht der italienischen Hölderlin-Theaterrezeption nach. An markanten Beispielen werden die sprachlich und kulturell bedingten Unterschiede zur allgemeinen, vor allem deutschen Rezeption erörtert. Im Sprech- sowie im Musiktheater wurde Hölderlin zwar auch in Italien nicht nur als dramatischer Autor auf die Bühne gebracht, sondern auch als Symbolfigur für die schwierige – wenn nicht unmögliche – Anpassung des Künstlers bzw. Intellektuellen an den soziokulturellen Kontext; unterschiedlich mutet aber die Art und Weise der Anwendung von Hölderlins Texten für die Theaterarbeit an. Philologische, intertextuelle und inszenatorische Fragen werden in ihrem fruchtbaren Verhältnis zum politischen bzw. kulturellen Engagement erörtert, um das italienische Hölderlin-Bild in seinem Facettenreichtum zu beleuchten.

 

Ulrich Gaier: „Unter Gottes Gewittern“ – Klimaerscheinungen als Erfahrung und Mythos. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, Tübingen 2007, S. 169-196

In der Interpretation von ‘Der Wanderer’, ‘Dichterberuf’ (1. Fassung) und ‘Wie wenn am Feiertage...’, gestützt durch die Überlegungen Hölderlins im ‘Fragment philosophischer Briefe / Über Religion’ werden herausgearbeitet: (1) eine innere Bewegung des „Seyn, im einzigen Sinne des Worts“ nach den neuplatonischen Hypostasen von Beharrung, Hervorgang und Rückwendung, (2) eine gleich strukturierte ontologische Stufung von Grund – wie (1) – , zeichenhafter Offenbarung in Welt und Geschichte, und Rückwendung zum Ursprung, zum Beispiel im Gesang. Der Mythos („die fortgehende Metapher“) spielt hier eine entscheidende Rolle, weil er als Zeichen Mitteilung, als Performanz Erfahrung des „höheren Zusammenhangs“ ist. Die Klimaerscheinungen als Elemente einer Sphäre der Sphären dienen als Metaphern aller angedeuteten Differenzierungen des Seins und der ontologischen Stufung.

 

Ulrich Gaier: Der „Neccar Flus“ und sein Dichter. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 95-114

Von Kindheit an, besonders aber durch die mythische Geographie der reifen und späten Dichtung bestärkt, sah Hölderlin im Ursprung und Verlauf des Neckars, in den für die eigene Biographie bedeutenden Städten Lauffen, Stuttgart, Nürtingen, Tübingen und in den begleitenden Bergzügen eine besondere Verpflichtung und Befähigung zur vaterländischen Erneuerung, die auf Württemberg und von da aus auf Deutschland ausstrahlen sollte. Das wird durch die über die Alpen wehenden „milden Lüfte Italiens“, vor allem durch die besondere parlamentarische Verfassung Württembergs und durch historische Konstellationen begründet erkannt.

 

Carola Groppe: Lebenslauf im Zeichen der Bürgerlichkeit? Erziehung, Bildung und Sozialisation in Friedrich Hölderlins Leben. In: Hölderlin-Jahrbuch 36, 2008-2009, S. 9-29

Der Beitrag behandelt Friedrich Hölderlins Leben und Aspekte seines Werks aus bildungshistorischer Perspektive. Gefragt wird nach Hölderlins Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationserfahrungen und nach deren Auswirkungen auf seine Identität, sein Werk und seinen Lebensverlauf. Ausgehend von Hölderlins Beschreibung der Bildung als „exzentrischer Bahn“ in der Vorrede des Thalia-Fragments (1794) wird seine Kindheit und Jugend in den Kontext des entstehenden Bürgertums, seiner Lebensführung und seiner Werte und Normen eingeordnet und analysiert. Dabei wird der bürgerliche Selbstentwurf im Zusammenhang der politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Umstellungsprozesse in der sogenannten Sattelzeit (ca. 1770 bis 1830) als Lebensführung im Zeichen einer individuell herzustellenden Balance zwischen sich autonomisierenden Feldern (Arbeit, Familie, Politik, Religion usw.) gedeutet. Die damit verbundenen neuen Momente der Freiheit und Selbstbestimmung sowie die Anforderungen an eine nun selbsttätig zu vollziehende neue Integrations- und Sinndeutungsarbeit bargen in sich das Risiko des Scheiterns. Das riskante Projekt des individuellen Ausbalancierens von Autonomie und Heteronomie sollte im bürgerlichen Selbstentwurf durch Bildung gelöst werden. Für Hölderlin, so der Argumentationsgang, lässt sich festhalten, dass sein Lebenslauf dem bürgerlichen Entwurf der Balance, die das Ergebnis eines individuellen Bildungsprozesses sein sollte, nicht entsprach. Weder wird eine bürgerliche Berufslaufbahn gewählt, noch wird eine Familie gegründet. Zugleich wird Bildung in Hölderlins Werk nicht wie bei Goethe, Schiller und Humboldt durchweg positiv als individueller und kollektiver Entwicklungsprozess gedeutet, sondern ist durch die Ambivalenz des Verlusts ursprünglicher Einheit mit der Natur und dem möglichen, aber nicht garantierten Zugewinn an Erkenntnis Welt- und Selbstbeherrschung gekennzeichnet, der zugleich mit der ‘Entzauberung der Welt’ (Max Weber) einhergehen kann. Hölderlins Lösung des Spannungsverhältnisses zwischen individuellem Autonomieanspruch und real erforderlichen neuen Anpassungsleistungen erfolgte daher in der Stilisierung des Dichters zum außerhalb der bürgerlichen Lebenswelt stehenden Richter und Seher, der eine andere Zukunft entwerfen kann als die der bürgerlichen Gesellschaft.

 

Priscilla A. Hayden-Roy: Elise LeBret und Friedrich Hölderlin. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 147-180

Mit Elise LeBret, der sechzehnjährigen Tochter des Universitätskanzlers Johann Friedrich LeBret, freundete sich der Theologiestudent Friedrich Hölderlin im Herbst 1790 an und ließ ein nach eigenem Geständnis „bisarre[s] Verhältniß“ (StA VI, 182) entstehen, das, obwohl er schrieb: „Mit dem dritten Jahre meines Aufenthalts in Tübingen war es aus“ (StA VI, 264), frühestens im Herbst 1795 gänzlich aufgelöst wurde. Die grundlegende Forschung zu Elise LeBret hat Adolf Beck in der StA und einem im Hölderlin-Jahrbuch 1953 erschienenen Artikel über die „holde Gestalt“ geleistet. Mit seiner Feststellung, daß Hölderlins Hinweise in zwei Briefen an Neuffer vom April bzw. September 1792 (StA VI, B 50 und B 54) auf eine von ihm innig bewunderte Frau sich nicht wie bisher angenommen auf Elise LeBret, sondern auf eine andere, unbenannte Frau bezogen haben, schien das Schicksal der LeBretin als unbedeutende Nebenfigur in Hölderlins Biographie besiegelt zu sein. Eine nähere Untersuchung der Briefe von und an Hölderlin zeigt, daß die Angelegenheit doch verwickelter war. Während der Tübinger Zeit hat es wohl ein Auf und Ab in der Beziehung zu Elise gegeben, wobei Indizien dafür sprechen, daß Hölderlin sich vor und auch nach der Begegnung mit der nicht namentlich Genannten mit Elise verbunden fühlte. Bis zum Ende seines Aufenthalts in Tübingen hatten sich seine Gefühle für sie abgekühlt, aber er konnte sich von dem Verhältnis nicht befreien, weil es nicht mehr seine und Elisens Privatsache war. Zu einer Bindung, wohl weniger verbindlich als ein Verlöbnis, aber allem Anschein nach von beiden Familien gebilligt, ist es während der Tübinger Zeit gekommen. Diese Bindung hatte eine verpflichtende Zukunftsperspektive über die Tübinger Zeit hinaus für beide Familien, die folglich nach Hölderlins Weggang aus Tübingen um seine möglichst baldige Bedienstung – mit Elise als Ehefrau – bemüht waren. Erst durch seine Ablehnung dreier Stellenangebote (zwei Pfarrstellen, wo die Ehe mit Elise vorgesehen war, und evtl. eine Repetentenstelle in Tübingen) wurde den LeBrets klar, daß ein weiteres Harren auf Hölderlin sinnlos wäre.

 

Priscilla A. Hayden-Roy: Zwischen Himmel und Erde – Der junge Friedrich Hölderlin und der württembergische Pietismus. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, S. 30-66

Entgegen der oft in der Forschungsliteratur vertretenen Behauptung, der junge Hölderlin sei durch die Nürtinger Geistlichen mit dem theosophischen Denken der württembergischen Pietisten Friedrich Christoph Oetinger und Philipp Matthäus Hahn in Berührung gekommen, weist eine nähere Untersuchung der vor der Tübinger Zeit entstandenen Werke des Dichters vielmehr auf den Einfluß einer den lutherischen Bekenntnisschriften nahestehenden Form des Pietismus hin, wie sie etwa vom Nürtinger Diakon Nathanaël Köstlin vertreten wurde. Hölderlins Verwendung der Begriffe ,Himmel‘ und ,Erde‘ zeigt seine Nähe zu dieser pietistischen Denkart, etwa in seinen Hinweisen auf einen „doppelten Ausgang“ der Geschichte (nur die Gerechten kommen in den Himmel) oder in seiner dualistischen Vorstellung einer vergänglichen Erde und eines ewigen Himmelreiches. Durch den Einfluß Klopstocks wird der junge Dichter allerdings zunehmend von beiden Formen des württembergischen Pietismus weggeführt. Schließlich wird in einem Exkurs über die chiliastischen Vorstellungen in Hölderlins Frühwerk die Anwesenheit eines dualistischen Zeitmodells festgestellt, das die Idee einer zyklischen Wiederkehr zum paradiesischen Zustand bzw. eines Gottesreiches auf Erden ausschließt.

 

Ulrich Knoop: ‘Hälfte des Lebens‘. Wortgeschichtliche Erläuterungen zu Hölderlins Gedicht. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 44-71

Das Gedicht (gedruckt Ende 1804) galt lange Zeit als unverständlich, wurde dann aber mit der Auslegung, daß hier ein Blick auf die Mitte eines Lebens besungen wird, das nach einem schönen (Lebens-) Sommer nun einen kargen (Lebens-) Winter befürchtet, eines der beliebtesten. Diese zeitgenössische Lektüre hat immer noch Schwierigkeiten, die Wortbedeutungen mit dieser Gedichtaussage in Übereinstimmung zu bringen: wie soll man sich ein ‚hängendes Land‘ vorstellen, was meint ‚hold‘ eigentlich, geht es um die ‚Lebensmitte‘ oder zwei Lebenshälften ? Und je mehr man auf die Wörter des Gedichtes achtet, um so erklärungsbedürftiger werden sie. Das macht der sprachzeitliche Abstand und dann auch Hölderlins sehr spezifischer Gebrauch der Sprache um 1800, wie schon länger bemerkt, z.B. darin, daß ‚Fahne‘ als Wetterfahne zu verstehen ist. Es geht darum, die Wörter im zeitgenössischen Gebrauch um 1800 in einem wortgeschichtlichen Verfahren näher zu betrachten. Die Aussagen mit ‚hängen‘, ‚hold‘, ‚heilignüchtern‘, ‚weh‘, ‚Schatten der Erde‘ und selbst ‚Hälfte des Lebens‘ sind viel weniger assoziativ und impressionistisch als vielmehr plastisch und klar.
Das hat Auswirkungen auf die Lesart. Die Erwähnung des Winters spricht keineswegs eine Mangelzeit an, denn die Frage „wo nehm ich“ gilt dem Raum, und dieser ist schon jetzt leer und sprachlos. Der poetischen Situation fehlt die Kontrastierung von Sonne und Schatten der Erde. Damit thematisiert dieses Gedicht den hesperischen Bezug („Nachtgesang“ – als Gesang des Westens, des Sonnenuntergangs) des Zyklus und beklagt die Halbheit einer unerfüllten dichterischen Existenz.

 

Johann Kreuzer: Landschaft als poetischer Raum – Friedrich Hölderlin. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 115-146

Ausgangspunkt der Überlegungen ist der zweite Brief an Böhlendorff, in dem Hölderlin das Ergriffensein durch die ‚heimatliche Natur‘ mit Hinweisen auf die in der Ansicht von Natur präsente Wirklichkeit sowie dem wünschenden Bekenntnis zum ‚philosophischen Licht‘ verbindet. Darauf folgen Bemerkungen zum ‘Winkel von Hahrdt’. In ihnen wird – im Rückgriff auch auf interpretative Vorgaben Adornos (‚Idee der Naturgeschichte‘) und Heideggers (zum ‚Wohnen’) – der begriffliche Bezugsrahmen für die Auffassung und Deutung jenes Bildungsprozesses entwickelt, der Landschaften zum poetischen Raum werden läßt. Was sich in Gestalten der Natur präsentiert, ist als Zusammentreffen und als die Geschichte von ‚Karakteren‘ der Natur zu begreifen. Dies wird dann an ‘Heimkunft’, ‘Die Wanderung’ sowie einschlägigen Passagen aus dem Homburger Folioheft (etwa aus ‘Das Nächste Beste’, ‘Germanien’ oder ‘Die Titanen’) erörtert. Als ein erstes Resultat ergibt sich, daß es die Ansicht der als Erscheinung eines schöpferischen Prozeßganzen verstandenen Natur ist, die eine Landschaft beredt werden läßt. Dabei erweist sich die anarchische Allbezüglichkeit „heiliger Wildniß“ sowohl als Perspektive der Sehnsucht wie als Ort der Gefährdung. Deshalb bedarf der stillschweigende Anspruch der Natur der Besinnung des ‚Wortes‘. Allein in Akten der Sprachfindung bildet sich – dem unerhörten Verstummen der Sprachlosigkeit bloßer Natur (vgl. ‘Hälfte des Lebens’) entgegen – die ‚heimatliche Natur‘ einer Landschaft, die ein Bleiben ermöglicht. Nach diesem zweiten Resultat geht der Schlußteil auf ein Gedicht aus der Turmzeit, ‘Das fröhliche Leben’, ein. Der Raum der poetischen Landschaft dieses Gedichts scheint überschaubar geworden. In der Identifikation mit einer imaginierten Landschaft gelingt ‚Beruhigung‘ aber nur noch um den Preis der Selbstaufgabe. ‘Das fröhliche Leben’ gelangt an jene Grenze, an der das Gedicht aus sich heraus auf jene Beruhigung verweist, die es in sich nicht mehr zu leisten vermag. Damit erschließt gerade dieses Gedicht aus der Turmzeit eine veränderte Ansicht jenes poetischen Raums, der als Landschaft heimatlicher Natur gelten kann.

 

Johann Kreuzer: Von der erlebten zur gezählten Zeit. Die Anfänge der Zeitphilosophie in der Antike. In: Die Realität der Zeit, hrsg. von Johann Kreuzer und Georg Mohr, Paderborn 2006, S. 1-40

Die Arbeit stellt die Ursprünge der philosophischen Frage nach der Zeit in der Epoche zwischen Homer und Aristoteles dar. Ausgangspunkt für die Diskussion der Beziehung von erlebter und gezählter Zeit ist der Katalog der Zeiterfahrungstypen, der sich in ‘Ilias’ und ‘Odyssee’ findet. Die weiteren Stationen sind Heraklits Thematisierung der inneren Struktur und Logizität unseres Redens über Zeit, Pindars Exposition des Verhältnisses zwischen der chronologischen und kairologischen Dimension der Selbsterfahrung endlicher, das heißt der Bedingung der Zeit unterliegender Wesen, sowie ausführlich Platons Synthese der ihm vorliegenden Zeiterfahrungstypologien und ebenso ausführlich Aristoteles, bei dem die (‚subjektiven’) Bewußtseinsleistungen ins Spiel kommen, die auch und gerade zur (‚objektiven’) Realität der Zeit gehören. Was zwischen Homer und Aristoteles in originärer Weise an Problemstellungen, erfahrungsmäßigen Substrukturen, begrifflichen Implikationen und in diesem Sinn ‚Anfängen‘ der Frage nach der Zeit bewußt wird, hat nichts von seiner sacherschließenden Kraft verloren. – Die Arbeit gehört in den Zusammenhang von Untersuchungen, die den philosophie- und bewußtseinsgeschichtlichen Voraussetzungen sowie der Semantik der Sprachwirklichkeit dienen, die sich in Hölderlins Dichtung realisiert findet.

 

Jean-Pierre Lefebvre: Abschied von ‘Andenken’. Erörtern heißt hier verorten. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, Tübingen 2007, S. 227-251

„Vieles tuet die gute Stunde“: Dichterisch wohnen auf der Erde heißt auch den guten Ort, den günstigen Standpunkt finden. Der Verf. unternimmt hier – gegen Gadamer – die Verteidigung von Dieter Henrichs Studie zum Gedicht ‘Andenken’ (Dieter Henrich: Der Gang des Andenkens, 1986), die eine genaue geographische Verortung des Gedichts erstrebte, um dessen philosophische Bedeutung und Tragweite besser erörtern zu können. An Hand eigener Recherchen an Ort und Stelle visierte er auf dem Hügel der am rechten Flußufer gegenüber von Bordeaux liegenden Ortschaft Lormont den einzigen trigonometrischen Punkt, welcher die dem Gedicht wesentliche mnesische Einheit des Blickes auf die Welt und der existentiellen Reflexion fundieren kann.

 

Charles Lewis: Hölderlin’s Ode ‘Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter’ and Cleanthes’ ‘Hymn to Zeus’. A Note on Hölderlin’s Stoicism. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, S. 375-396

The influence on Hölderlin of the Stoic philosophy has frequently been noted, especially by Jochen Schmidt. However, commentators do not seem to have observed that one of Hölderlin’s most important poems – the programmatic Ode ‘Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter’ – can be read in the light of one particular Ancient Stoic text, namely Cleanthes’ ‘Hymn to Zeus’. All the evidence suggests that Hölderlin would have been familiar with this text, and his Ode can be read as a critical response to the Stoic Hymn. Both are addressed to Zeus, the supreme deity of the Stoics. Both poems begin and end with praise of Zeus, and in each the praise is subject to a condition (albeit of a rather different kind). In both, the kinship of god and mortal poet is affirmed, but in Hölderlin’s case this is expressed by the enigmatic formula “ein Sohn der Zeit”.
That formula can be read in terms of a dual conception of Time: the corporeal Time of Saturn’s seasons, and the incorporeal Time of Zeus’s law. Although the point is not uncontroversial, some commentators have found such a dual conception of Time in the Stoics themselves. Whether or not that is a faithful account of Stoic doctrine, it is arguable that Hölderlin, both here and elsewhere, operates with such a conception. Finally, it is suggested that, in Hölderlin’s poetics of the “Wechsel der Töne”, there is a corresponding duality of law-like progression and paradoxical moment of reversal.

 

Charles Lewis: Hölderlin and the Möbius Strip: The One-Sided Surface and the ‘Wechsel der Töne’. In: Oxford German Studies, Vol. 38, No. 1, 2009, S. 45-60.

In German poetics of the early Romantic period, an important part is played by analogies based on geometrical figures such as the hyperbola and the ellipse. In Hölderlin’s ‘Homburg poetics’ of the years 1799-1800, we can witness an even more striking phenomenon. Hölderlin’s theory of the Wechsel der Töne seems to provide a precise description of a structure (the ‘Möbius strip’) which did not come to the attention of mathematicians until more than fifty years later. The one-sided surface of the Möbius strip correspondingly suggests a way of visualizing Hölderlin’s rules for the sequence of ‘tones’ within a poem. Hölderlin begins by characterizing the meaning of a poem as having two faces or aspects, corresponding to a duality of hidden and manifest meaning (Grundton and Kunstkarakter). The rules for the Wechsel der Töne then provide a framework in which those two aspects are united. A poem can be seen as describing a path along a one-sided surface, in which the reader of the poem returns to the starting-point only after having undergone a reversal of perspective at the poem’s central turning-point or ‘caesura’.

 

Jürgen Link: Aether und Erde. Naturgeschichtliche Voraussetzungen von Hölderlins Geo-logie. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, S. 120-151

Am Beispiel der in Hölderlins Poesie eminent wichtigen Motive des „Aethers“ und der „Erde“ wird die These entwickelt, daß eine „naturgeschichtliche“ Bedeutungsebene für diese Poesie ebenso konstitutiv sei wie etwa die poetologische, philosophische, mythisch-„religiöse“ und politische. Dabei wird „Naturgeschichte“ im Sinne der seinerzeit aktuellen naturwissenschaftlichen Auffassung des Lebens und des Menschen begriffen. Insbesondere sei „Aether“ im Sinne zeitgenössischer Theorien (gestützt vor allem auf Belege von Sömmerring und Ebel) über die Nerven- und Gehirn-Fluida zu lesen. Ausgehend von einer „naturgeschichtlichen“ Lektüre der zentralen Kategorie des „Gefäßes“ bei Hölderlin wird die Polarität imponderabler (ätherischer) und ponderabler („Erden“) Elemente als konstitutiver Dimension skizziert. Dabei wird die Erfahrung des Dichters mit seinem eigenen hoch sensiblen, einem Wechsel des Tonus in Atem und Gesang ausgesetzten Körper betont. Ausgehend von der naturgeschichtlichen These ergeben sich abschließend neue Einsichten in Hölderlins Auffassung von „Gott“ und den „Göttern“ sowie in seine poetische Schreibweise: seine Bildlichkeit (Metaphorik und Symbolik) sei – entgegen einer aktuell häufig geäußerten These – nicht vom allegorischen, sondern von einem spezifischen, als „modell-symbolisch“ bezeichneten Typ.

 

Matthias Löwe: Diotimas verschollene Briefe. Neue Einsichten in die Erzähllogik von Hölderlins ‘Hyperion’. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, S. 312-343

Der Fokus des Beitrags richtet sich auf den Briefwechsel zwischen Hyperion und Diotima im ersten Buch des zweiten ‘Hyperion’-Bandes. Ausgangspunkt ist ein doppelter Befund: Zum einen die Beobachtung, daß nicht nur die beiden Bände des ‘Hyperion’ mit ihren jeweils 30 Briefen symmetrisch angelegt sind, sondern daß auch der ‚Roman im Roman‘, jener für Bellarmin abgeschriebene Briefwechsel zwischen Hyperion und Diotima, einem symmetrischen Bauprinzip folgt; zum anderen die Feststellung, daß Hölderlin diese formale Symmetrie erzähllogisch wieder ,gestört‘ bzw. demontiert hat, indem er zwei verlorengegangene Briefe Diotimas einführt. Im Möglichkeitsrahmen der gegenwärtigen Hölderlin-Edition und Datierungsforschung wird zunächst rekonstruiert, an welchem werkgenetischen Ort das symmetrische Bauprinzip des Briefdialogs erstmals auftaucht. Vor dem Hintergrund der jüngeren Forschungskontroversen um den ‘Hyperion’ wird für die erarbeiteten formalen Befunde schließlich ein Deutungsangebot unterbreitet.

 

Gunter Martens: Hölderlins Poetik der Polyphonie. Ein Versuch, das Hymnenfragment „Die Nymphe. / Mnemosyne.“ aus den Handschriften zu deuten. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 7-43

Hölderlin hat der Titanin Mnemosyne eines der großartigsten Gedichtprojekte der Spätzeit gewidmet. Diese „letzte Hymne“ Hölderlins (Friedrich Beißner) blieb jedoch unvollendet. Generationen von Hölderlin-Forschern stritten, wie aus den überlieferten Handschriftenblättern ein letztgültiger Text zu konstituieren sei. Eine erneute Auseinandersetzung mit den überlieferten Handschriften erbringt überraschende Einsichten in die Sinn- und Textstruktur des Gedichtes: Die Genese des Entwurfs und insbesondere die Art der Niederschrift verweisen auf eine höchst komplexe Einheit von Gegensätzen. Die Poetologie dieser Dichtung, deren Grundsätze Hölderlin schon Jahre früher in der Lehre vom „Wechsel der Töne“ und im Diktum des „Einen in sich selber unterschiednen“ (‘Hyperion’) festzuhalten suchte, trägt auffallende Übereinstimmungen mit der Kunst der polyphonen Kompositionstechnik des 18. Jahrhunderts. Das Gegeneinander der unterschiedlichen ‚Stimmen’, das insgesamt die Anlage der Hymne prägt, läßt sich bereits in der Beschriftung der Blätter des Homburger Folioheftes nachweisen. Die Gesetze des syntaktischen Nach- und Zueinanders, die den traditionellen Schrifttext prägen, erscheinen in der Niederschrift der Gedichtentwürfe durchbrochen, sich ausschließende Aussagen bilden in der Handschrift eine graphische Einheit. Diese Eigenart läßt sich lesen als ein Versuch, Gegenläufiges in der Art des mehrstimmigen Gesangs zusammenzuschließen, eine Dichtung in der Art eines polyphonen Musikstücks zu schreiben. Was sich in der Handschrift abbildet, die Überlagerung und Kollision der verschiedenen Schreibschichten, fügt sich allerdings nicht mehr zu einer linear darstellbaren Texteinheit zusammen, entzieht sich jeder einsinnigen Deutung und damit auch letztendlich jeder editorischen Festlegung.

 

Monika Meier: Jean Paul über Bildung und Erziehung: ›Briefe‹ (1790), ›Die unsichtbare Loge‹ (1793) und ›Levana‹ (1807). In: Hölderlin-Jahrbuch 36. 2008-2009, Tübingen 2009, S. 111-124

Um 1790, Jean Paul beginnt mit der Arbeit an seinem ersten erfolgreichen Roman ›Die unsichtbare Loge‹ und verdient seinen Lebensunterhalt in einer kleinen Privatschule in Schwarzenbach a.d. Saale, finden sich in Briefen und Schriften besonders zahlreiche Einlassungen zu pädagogischen Themen. Im Zusammenhang mit philosophischen und ästhetischen Reflexionen und dem Umbruch vom satirischen zum erzählenden Schreiben entwickeln sich die Grundlagen seiner Pädagogik. Der Diskussion in der Arbeitsgruppe lagen neben Ausschnitten aus ›Levana oder Erziehlehre‹ Zitate aus zwei ›Extrablättern‹ des Romans ›Die unsichtbare Loge‹ und aus dem Briefwechsel mit Friedrich Wernlein zugrunde. Der assoziative, teils sprunghafte Gedankengang der Korrespondenz und die Engführung von ‚Selbstbildung’ und Entwurf des ‚hohen Menschen’ in Korrespondenz und Roman können ihrerseits zum Verständnis schwer zugänglicher Bilder in der ›Levana‹ beitragen, etwa dem des »Anthropolithen (versteinerten Menschen)«, in dem der »Idealmensch« auf der Erde ankomme.

In Verehrung und gleichzeitiger Abgrenzung von Rousseau erscheint Erziehung bei Jean Paul als aktive und in hohem Maße sprachlich vermittelte Unterstützung bei der Entfaltung je einzigartiger Individualität. Unverwechselbare Mitgift von Geburt an, präge die menschliche Individualität sich in je unterschiedlichen biographischen und historischen Umständen weiter aus. In der fördernden Rolle, die Erziehung dabei spielen kann, wird dem ‚Witz’ als freiem Assoziieren und als Übung im ‚Selber’-Denken eine besondere Bedeutung beigemessen. Wo ‚Sanskulottentag’ und ‚Spielstunde des Witzes’ der ‚strengen Nothfrist und Lehrstunde der Mathematik’ folgen und neben ‚auseinander gesperrt in Karthausen’ wohnenden Begriffen ‚die Handhabung der Ideen’ gelehrt werde, können Lernen, Bildung und Erziehung, so Jean Paul, am besten gelingen.

 

Boris Previšić: Hölderlins Tempo. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999-2007, hrsg. von Valérie Lawitschka, Tübingen 2007, S. 181-200

Als Fortentwicklung seiner Dissertation ‘Hölderlins Rhythmus’ (2004) zeigt der Verf. auf, daß das Tempo für Hölderlins Dichtung wesensbestimmend ist. So wird zunächst in Absetzung von Goethe und Schiller eine allgemeine Tempobestimmung vorgenommen, welche überraschenderweise nicht nur auf eine hohe Pulsfrequenz, sondern ebenso auf eine große Varianz verweist. Die dadurch implizierte Beschleunigung und die Verlangsamung lassen sich gemäß den ‘Anmerkungen zum Ödipus’ ins kosmische Gesetz der „exzentrischen Bahn“ und „der gegenrhythmischen Unterbrechung“ theoretisch einbetten. Es beruht auf einem dynamischen Gleichgewicht, welches in allomorphen Strukturen zwischen Metrum und Rhythmus, zwischen Kohärenz und Unterbrechung zu finden ist. Seine Konkretisierung wird gleich zu Beginn in der Elegie ‘Der Wanderer’, darauf in den ersten Strophen der ‘Friedensfeier’ und von ‘Patmos’ mikroformal und in ‘Germanien’ makroformal skizziert. Rhythmus und Begrifflichkeit bilden in Hölderlins Tempo eine vielschichtige Symbiose.

 

Norina Procopan: Schriftstellerbiographie als Ausstellungsthema: der biografische Interpretationsansatz im handlungsorientierten Unterricht. In: Hölderlin-Jahrbuch 36, 2008-2009, Tübingen 2009, S. 212-228

Planung der Unterrichtseinheit
1. Der Unterrichtsgegenstand
Die Sachanalyse erarbeitet die Reaktion der deutschen Intellektuellen auf die Französische Revolution, die Abkehr von der terreur, die Suche nach der Möglichkeit einer „Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten“ (Hölderlin). Diese zu erzielen, entwickelte Hölderlin im ‘Hyperion’ und im ‘Gesichtspunct aus dem wir das Altertum anzusehen haben’ eine Kulturtheorie, die in dem Gesang ‘Die Wanderung’ ihre Veranschaulichung findet. Ein Bild des Zeitgenossen Josef Anton Koch wirkt wie eine Illustration des Schlusses der ‘Wanderung’ Der Einbezug eines Dorfes im schweizerischen Thurgau mit politischen, sozialen und religiösen Spannungen veranschaulicht die „Unfreundlichkeit“ der im Gedicht genannten Mutter „Suevia“.
2 Didaktisch-methodische Überlegungen
2.1 Der biographische Interpretationsansatz im handlungsorientierten Deutschunterricht
Lernziel war, die naive Einbeziehung biographischer, kultureller und politischer Daten in die Gedichtinterpretation zu problematisieren. Dies sollte handlungsorientiert durch Entwicklung einer Ausstellung über Hölderlin als Hauslehrer in Hauptwil (1801) vermittelt werden, die den Schülern einer anderen 12. Klasse gezeigt und erläutert werden sollte. ‘Die Wanderung’ wurde gewählt, weil sie biographsch anbindbare Geographie mit kulturtheoretisch und vaterländisch erzieherischen Argumentationen verbindet. Die Auswahl geeigneter Objekte aus dem Bildmaterial für die Ausstellung regt die Schülerarbeit stark und kreativ an.
2.2 Entwicklung von Kompetenzen durch die Unterrichtseinheit.
Die Notwendigkeit, für eine präsentable Ausstellung das Sachgebiet vollständig zu durchdringen, erweitert und festigt kognitive Kompetenzen auf den Gebieten Geographie, Geschichte, Literaturgeschichte, Religionsgeschichte, Kunst. Affektiv-soziale Kompetenzen werden durch die Teamarbeit in vier Arbeitsgruppen und die Präsentation für Schüler der Parallelklasse geübt. Das gilt ebenso für psychomotorische Lernziele.
2.3 Didaktisch-methodische Aufarbeitung

Die Unterrichtseinheit ist entschieden fächerübergreifend angelegt; Kollegen von Geschichte und Musik haben bereitwillig kooperiert. Innovativ ist die Aufgabe, ein Gedicht mit seinen kulturphilosophischen, gesellschaftskritischen, politisch antizipatorischen Gesichtspunkten (Vaterland als Synthese hesperischer und griechischer Kultur) in Hölderlins realhistorischem Kontext zu verorten und den Anspruch des Textes an die Rezipienten herauszuarbeiten. Gestalterischer Einsatz von Medien wurde in Gruppen- und Einzelarbeit geübt und in der Präsentation auf seine Wirkung hin erprobt.

 

Luigi Reitani: Ortserkundungen, Raumverwandlungen. Zur poetischen Topographie Hölderlins. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, Tübingen 2007, S. 9-29

Was war die Welt, was waren Himmel und Erde für Hölderlin? Was waren Horizont, Raum und Fremde in seinem Leben und Werk? Der vorliegende Beitrag versucht, Hölderlins Raumerfahrungen und Rauminszenierungen in den geographischen Diskurs seiner Zeit einzubetten, dessen Rolle anhand von bisher kaum untersuchten Stellen im Briefwechsel hervorgehoben wird. Der Enge der Familienverhältnisse und der tradierten Sozialkonstellationen setzt Hölderlin die Weite des neu zu entdeckenden Kosmos der Moderne entgegen, wobei der Dichter für sich einen erhobenen Standpunkt und die damit verbundene Möglichkeit einer totalen Wahrnehmung als die für die Kunst notwendige Voraussetzung beansprucht. Hölderlins Texte (vor allem der Roman ‘Hyperion’) simulieren eine Raumerfahrung und -bewegung aufgrund einer peniblen Erkundung der Orte mit den neuen Medien der Reiseberichte und der Landkarten. Ein fundamentales Merkmal dieser Inszenierungen ist jedoch die radikale und systematische Destruktion eines just vorher evozierten idyllischen Bildes, die Selbstentlarvung der perspektivischen Darstellung als Täuschung und Traum des darstellenden Subjekts. Geographisch-historische Orte werden durch subjektiv deklarierte Phantasien ersetzt; der Raum verwandelt sich durch den betrachtenden Blick des Dichters. Dieses Prinzip der topographischen Differenz, das Orte und Landschaften miteinander assoziiert und austauscht, wird im Homburger Folioheft zur Überschreibung, zur räumlichen Inszenierung des Schreibaktes. In den „Turmgedichten“ scheint schließlich die Sehnsucht nach neuen Orten gestillt zu sein. Die Dynamik der geographischen Elemente tritt hier zugunsten einer Statik von zusammenhängenden Naturbildern zurück.

 

Erika Schellenberger-Diederich: „todte papierne Geographie“? Reisebeschreibungen, Erdwissenschaft und Poesie um 1800. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, Tübingen 2007, S. 152-168

Im Kontext historischer Reisebeschreibungen, vor allem der höhenvermessenden und alpengeologischen Entdeckungstouren des späten 18. Jahrhunderts wird u.a. der Bedeutung eines der ersten alpinen Reiseführer für Hölderlins Poetik nachgegangen. Die ‘Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen’ von 1793 wurde von dem „verehrungswürdigen Freund“ Johann Gottfried Ebel nach zahlreichen Fußreisen und Studien herausgegeben. Ebels kleinformatiges und damit rucksacktaugliches Kompendium war mit seinen handgezeichneten Panorama-Aussichten bis ins 19. Jahrhundert auch im Ausland ein Verkaufsschlager. Für die Poesie der Tübinger Fenstergedichte dienen diese Hölderlin als Inspiration eigentümlich abstrahierender Bildbeschreibungen. Am Beispiel von ‘An Zimmern’ entfaltet sich im kartografischen Bildfeld der Linie eine neue Interpretationschance.

 

Michael Strauch: Harte Fehler. Hölderlins Grabstein. In: Hölderlin-Jahrbuch 35, 2006-2007, Tübingen 2007, S. 397-409

Das Epitaph aus der Hymne ‘Das Schiksaal’ auf Hölderlins Grabstein weist Abweichungen zu historischen Textvorlagen der Jahre 1794/95, 1826 und 1842/43 auf. Zumindest ungebräuchlich ist auch der eingemeißelte Vornamen des Dichters: „Friederich“. Die irritierendste Fehlangabe auf dem Grabstein stellt jedoch das nicht nur dort anzutreffende Geburtsdatum Hölderlins, der „29. März 1770“, dar. In dem Beitrag werden die o. g. Abweichungen kenntlich gemacht und zu erklären versucht. Vorrangig aber wird der Herkunft des falschen Geburtsdatums auf dem Grabstein nachgegangen und die Geschichte seiner Korrektur auf Papieren dargestellt. Offen bleibt allerdings, ob Familienmitglieder, Susette Gontard, Freunde und Lebenspartner, schließlich Hölderlin selbst seinen richtigen Geburtstag kannten.

 

Rainer Wisbert: Johann Gottfried Herder und die Idee der Selbstbildung. In: Hölderlin-Jahrbuch 36, 2008-2009, Tübingen 2009, S. 125-138

Die Bedeutung des Herderschen Bildungsdenkens ist allgemein anerkannt. Es fehlt jedoch bislang eine Studie, welche nach dem Stellenwert der Selbstbildungsidee in Herders Philosophie und in der Entwicklung des modernen Bildungsdenkens fragt. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis: Herder war der Erste, der den Begriff der Selbstbildung in den Mittelpunkt eines philosophischen Gedankenkreises stellte. Er war der Erste, der hervorhob, dass Bildung immer Selbstbildung ist, Vervollkommnung seiner selbst durch sich selbst. Und er war der Erste, der die für die moderne Tradition so zentrale Idee der Selbstbildung der Menschheit als Entfaltung und Steigerung der geschichtlichen Kräfte der Individuen, Nationen und Kulturen durch sich selbst bestimmte und hierzu die Notwendigkeit von Bildungsinstitutionen herausstellte. Der junge Goethe, Schiller und Wilhelm von Humboldt ließen sich von Herders universalem Selbstbildungsprogramm ebenso beeinflussen wie Schleiermacher und Hölderlin und später der junge Nietzsche und Dilthey. Ohne Herder hätte es weder die moderne deutsche Bildungstradition, zumindest nicht in der gegebenen Gestalt, noch die neuhumanistische Reform der Gymnasien und Universitäten im 19. Jahrhundert gegeben. In der Konstitutionsphase des modernen Selbstbildungsdenkens in Deutschland ist Herder die erste Leitfigur.