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Monday, 2014-09-15

Was gibt es Neues?

Friday, 24.10.2014

Konzertante Klavierimprovisation

Im Gedächtnis alter Traditionen im neuen Gewand. Gerhard Kaufmann spielt auf dem Hugo-Wolf-Flügel

Hölderlin - Scardanelli

Hölderlin kommt 1807 in die Pflege des Schreinermeisters Ernst Friedrich Zimmer. 36 Jahre lang, die Hälfte seines Lebens, wird er im Haus am Neckar wohnen, als »stiller Gast am Herd«. Seit 1806, nach 231tägigem Zwangsaufenthalt in der Tübinger psychiatrischen Universitätsklinik, dem »Clinikum«, ist er vor der Welt »entmündigt«. »Ich, mein Herr, bin nicht mehr von demselben Namen«, begrüßt er künftig seine Besucher und stellt sich als »Killalusimeno«, »Buonarotti«, »Scardanelli« vor, seinen bürgerlichen Namen verleugnend.
Nur wenige Zeitgenossen erkannten ihn als den »größten Lyriker«; das Diktum vom unbekannten, verschollenen, vergessenen Dichter wurde zur Schablone für das ganze 19. Jahrhundert. Die Prognose von Karoline von Woltmann 1843 sollte eintreffen: Hölderlin werde »am literarischen Himmel aufsteigen [...], wenn Deutschland Dichter von seiner Großartigkeit der Begriffe und Einfachheit des Ausdrucks vertragen kann«. Und es ist sicherlich nicht zu viel gesagt: er sollte unserem Jahrhundert vorbehalten bleiben.
Mit der Entdeckung des Spätwerks Hölderlins durch Norbert von Hellingrath geschieht um 1910 ein Epoche machender Einschnitt in der Hölderlin-Rezeption, mit dem sich die Namen Stefan George und Karl Wolfskehl verbinden. Der vierte Band der historisch-kritischen Ausgabe Hellingraths enthält das Kernstück, »Herz, Kern und Gipfel des Hölderlinischen Werkes, das eigentliche Vermächtnis« - die Oden, Elegien, Hymnen, Fragmente, die Pindar - und die Sophokles-Übertragungen. Rund eineinhalbtausend bis dahin unbekannte Verse sind darin versammelt, Verse, die mit dem Makel des Krankhaften belastet waren.

Johann Christian Friedrich Hölderlin, 1770 in Lauffen am Neckar geboren, studierte von 1788-1793 in Tübingen Theologie. Mit Hegel und Schelling war er im Evangelischen Stift, der wichtigsten Ausbildungsstätte Württembergs für protestantische Pfarrer. Hölderlin richtet seine ganzen Hoffnungen auf das Dichtertum. Schon die ersten Gedichte der Maulbronner Schulzeit (1786-1788) nennen die Vorbilder Klopstock, Pindar, Schiller, Schubart, Ossian. Die frühen Tübinger Hymnen stehen im Zeichen Schillers, die Oden-Dichtung führt er zu einem Höhepunkt, in den späten Gesängen kommt er zur »vaterländischen Dichtung«. Landschaft, Orte, Flußläufe werden Konstanten der poetischen Reflexion. Die großen Themen seiner Dichtung bleiben: die Natur, die Ströme, die Wanderung. Mit dem Briefroman Hyperion (1796-1799) stellt sich Hölderlin zwar neben Goethe in eine literarische Tradition, geht aber neue Wege. Seine Versuche eines Empedokles-Dramas gelingen nicht, den Plan, eine Zeitschrift (Iduna) zu gründen, muß er aufgeben. Die zweite Hälfte des Jahres 1800 verbringt Hölderlin in der Stuttgarter Freundesfamilie Landauer: eine produktive und glückliche Zeit. Hier führt er die von Goethe angeratene Form der »kleinen Gedichte«, die er in den Frankfurter Kurzoden umgesetzt hatte, in die große Odenform über (Lebenslauf, Dichterberuf). Mit der Elegie greift er auf eine weitere klassische Form zurück (Stutgard, Der Gang aufs Land, Brod und Wein), während er gleichzeitig Pindars Gesänge zu übersetzen beginnt. Nach einem erneut fehlgeschlagenen Versuch, sich als Erzieher zu etablieren (Januar bis April 1801 im schweizerischen Hauptwil), und nachdem sich im Herbst 1801 – wieder nach einer bedeutsamen dichterischen Periode, in der die ersten Gesänge entstehen – die Hoffnung auf eine Universitätslaufbahn in Jena zerschlägt, bricht Hölderlin zu einer Hauslehrerstelle nach Bordeaux auf. Resigniert verläßt er sein geliebtes Vaterland (gemeint ist Württemberg): »sie können mich nicht brauchen.«

Dem Neuanfang in der ihn »ergreifenden« Landschaft Südfrankreichs folgt ein knappes halbes Jahr später unvermittelt die Heimkunft. In zerrüttetem Zustand, berichten die Freunde, trifft er in Stuttgart ein. Anfang Juli 1802 erreicht ihn hier die briefliche Nachricht Isaac von Sinclairs vom Tod Susette Gontards. Hölderlin bricht zusammen. Das Zuhause in Nürtingen, dann die Nähe des Freundes Sinclair, der ihn in die Dienste des Landgrafen als Hofbibliothekar nach Homburg holt, helfen ihm zurück zum poetischen Schaffen. Er schließt die Übersetzung der Trauerspiele des Sophokles ab, die »Nachtgesänge«, wozu das Gedicht Hälfte des Lebens gehört, entstehen. Der Anspruch, den Hölderlin an seine Dichtung stellt, »vaterländisch und natürlich, eigentlich originell zu singen«, die neue Sangart, wird eingelöst.

Obwohl Hölderlin mitten im philosophischen und literarischen Diskurs seiner Zeit stand – er war mit den großen Denkern Fichte, Herder, Schiller, Goethe im Gespräch –, wurde er kaum gehört. Ein freier Dichter wollte er sein und politisch wirken als radikaler Neuerer aus dem Geist der griechischen Antike. Die Gefahr ahnte er: »Ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags.«

Als einer der ersten Patienten des Arztes Autenrieth wird Hölderlin 1806 zur Behandlung in das Tübinger Universitätsklinikum gebracht. Auf Empfehlung des Arztes nimmt ihn 1807 Ernst Friedrich Zimmer, der kurz zuvor das Haus am Neckar – heute der Hölderlinturm – erworben hatte, in Kost und Logis. Für den »Pflegsohn« der Stadt Nürtingen, ein Antrag der Mutter hatte dies erwirkt, stellt Zimmer vierteljährlich die Rechnungen an die Stadt. Er begleitet sie mit ausführlichen Nachrichten über das »Wohlergehen des Herrn Pflegsohns«. Allein die Akte der Jahre 1833-1843, erst 1993 wieder aufgefunden, enthält 42 Briefe der Familie Zimmer, die Einblick geben in Hölderlins Alltag. Eine Notiz aus der Turmzeit resümiert: »Nun versteh ich den Menschen erst, da ich ferne von ihm und in der Einsamkeit lebe.«

Hölderlin stirbt am 7. Juni 1843 im Tübinger Turm.

 

Im Mai 2009

Valérie Lawitschka