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Lesesport

Lesesport 6


Rainer Maria Rilke: Römische Fontäne. Borghese (1906)

Zwei Becken, ein das andre übersteigend
Aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.


Infos

  • Rainer Maria Rilke (1875-1926), geboren in Prag. Nach Kadettenschule und Kaufmannslehre Abitur und Beginn des Studiums. Ab 1896 unstetes Wanderleben außer Sesshaftigkeitsversuchen 1901 Ehe mit der Bildhauerin Clara Westhoff in Worpswede und 1905/06 Privatsekretärstelle beim Bildhauer Auguste Rodin in Meudon bei Paris. Schon 1903 Paris-Besuch; während der Arbeit bei Rodin intensive Kontakte mit Dichtern und Künstlern in Paris. Sammlung Neue Gedichte (geschrieben 1903-1906, veröffentlicht 1907).
  • Die römische Fontäne Rilkes ist identisch mit C. F. Meyers römischem Brunnen (vgl. Lesesport 5). In beiden Gedichten handelt es sich also um einen dreischaligen Brunnen mit aus der Mitte der obersten Schale aufsteigendem Wasserstrahl; die unterste Schale ist in den Boden eingelassen; der Brunnen steht im Park der Villa Borghese in Rom.
  • Petrarkisches Sonett, 2x4, 2x3 Zeilen (Quartette, Terzette). Die Petrarkische Sonettform ist nicht „rein“ durchgeführt; sie verlangt in den Quartetten das Reimschema abba, abba. In den Terzetten sind üblicherweise zwei Reime gefordert (z.B. ccd, ccd). Der kritische Übergang von Quartetten zu den Terzetten wird hier durch die reimlose Zeile 9 („Waise“) unterstrichen.

 
Wo ist die Fontäne?

1
Zeichnen Sie einen dreischaligen Brunnen und identifizieren Sie zunächst „zwei Becken“, „Marmorrand“, „eins“, „das andre“.
2
Verfolgen Sie anhand Ihrer Zeichnung die Art, wie Rilke den Brunnen sprachlich rekonstruiert: ↑eins ↓das andre ↑übersteigend ↓↑aus.
3
Wo wird die Fontäne rekonstruiert, als Gegenstand oder in Ihrem „Innenraum“? Man hat diese Darstellungform pantomimisch oder hieroglyphisch genannt, weil sie dem Leser gleichsam zufügt, was gesagt werden soll.
4
Was ist die Fontäne bei Meyer? Benutzen Sie die Unterscheidung von Subjekt und Objekt. Können Sie diese Unterscheidung auch bei Rilke benutzen?
5
Verfolgen Sie nun beim Wasser ab Z. 3 die Blickrichtungen und Bewegungen. Tragen Sie in Ihre Zeichnung die zweimalige Systematik ein. Was kommt zu der Auf-Ab-Richtung der Zeilen 1 und 2 hinzu? Setzen Sie damit das im „Info“ über das Sonett Gesagte in Beziehung.
6
Analysieren Sie hinsichtlich der Blickrichtungen die Mittelzeilen 6-8. Wo erscheint im unteren Wasser der Himmel? Warum zeigt es ihn „heimlich...wie einen unbekannten Gegenstand“? Warum stehen diese „Gegenstände“ in der Mitte der Blickrichtungen und des Gedichts? Vgl. auch Aufgabe 10.


Wo ist der Sprecher?

7
Versuchen Sie in dem Gedicht das Subjekt, das Objekt und das Verb des Satzes zu finden. Welche Funktion haben die Partizipien? Was leisten sie grammatisch? Benutzen Sie Ihr Ergebnis zur weiteren Begründung der Aufgaben 3 und 4.
8
Identifizieren Sie vier gleitende Ersatz-Subjekte. Das dritte wird in Z. 4-12 besprochen. Beobachten Sie die grammatikalischen Veränderungen, die an diesem Wasser der zweiten Schale vorgenommen werden.
9
Unterstreichen Sie im Text die Formulierungen, die „Lebloses“ mit menschlichen Tätigkeiten und Gefühlen ausstatten. Wessen Gefühle und Tätigkeiten sind das nach Aufgabe 3? Wo ist also der Sprecher?
10
Welche Extreme (vgl. Aufgabe 6), welche „Übergänge“ sind in dem Gedicht zu beobachten? Wofür gelten sie nach Aufgabe 3 und 9? Vergleichen Sie Ihr Ergebnis mit Lesesport 7!