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Hölderlin-Texturen-Reihe

Hölderlin in der Weltliteratur

Friedrich Hölderlin (1770-1843) ist nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Dichter, auch im weltliterarischen Horizont gilt er als der Dichter der Dichter. In den letzten dreißig Jahren ist er zu einem der meistübersetzten Lyriker geworden; die künstlerische Rezeption Hölderlins ist zu keiner Zeit so vielschichtig gewesen wie heute. Die Hölderlin-Gesellschaft sieht ihre Aufgabe darin, die lebendige, für die Kultur der Gegenwart so wichtige Stellung Hölderlins einer breiten internationalen Öffentlichkeit zu vermitteln. Angesichts seines komplexen und vielschichtigen Werks sind neue Zugangsweisen besonders wichtig.
Eine Gesamtschau von Werk und Leben des Dichters, die als variable Wanderausstellung gezeigt werden kann, wird seit langem von der Öffentlichkeit gewünscht. Die Anfragen aus dem In- und Ausland sind so zahlreich, dass sich die Hölderlin-Gesellschaft entschlossen hat, ein umfangreiches Ausstellungs- und Buchprojekt zu realisieren: Hölderlin-Texturen.


Hölderlin im Gespräch mit seinen Zeitgenossen

Das Projekt wurde 1994 begonnen: In sechs Buchpublikationen (mit Teilbänden) und dazugehöriger Ausstellung werden Werk, Leben und Zeitgenossenschaft des Dichters Hölderlin erarbeitet.
Das Konzeptionsprinzip der Texturen ist neuartig und unterscheidet sich grundsätzlich von bisherigen Präsentationsformen in Buch und Ausstellung. Hölderlin wird in den biographischen, philosophischen, literarischen und sozialgeschichtlichen Konstellationen und Verflechtungen seiner Zeit gezeigt. Nicht nur wird der Blick von ihm auf andere, sondern insbesondere auch der Blick anderer auf ihn rekonstruiert; so werden Wechselwirkungen herausgearbeitet. Ein neuer Typus dialogischer Erkenntnis ist dabei entstanden, indem der synergetische Charakter von Gedanken, Gedicht und Leben wahr-genommen wird.
Nicht die Einzelperson Hölderlin ist das konzeptionelle Zentrum der Texturen. Das Interesse liegt vielmehr auf den Gesprächen, an denen Hölderlin teilnahm – z.B. im Tübinger Stift mit den Freunden Neuffer und Magenau, mit Schelling und Hegel, mit den Repetenten Diez und Conz. Auch die Konstanten in Hölderlins Leben und Schaffen werden veranschaulicht – die Landschaften Schwabens, die Flüsse, die politische Situation des Landes, das Verhältnis von Philosophie und Poesie, die Schwierigkeit des Dichtens »in dürftiger Zeit«.

 

Anlage und Aufbau der Hölderlin-Texturen

Die Ausstellung ist als Wanderausstellung mit drei Ebenen konzipiert: Themen- und Lerntafeln, Text-/Exponatenheft, Begleitbände. Die Tafeln sind als selbständige Einheiten entworfen und können deshalb variabel, entweder vollständig oder nach Bedarf auf einen Themenkomplex zugeschnitten, gezeigt werden – z.B. »Hölderlin und die Französische Revolution«, »Hölderlin und die Natur«.

Die Text-/Exponatenhefte können eigens zu jeder Ausstellung – je nach gewähltem Zuschnitt produziert werden, denn zu jeder Tafel gibt es eine fertige Zusammenstellung von Leittext, Umschrift handschriftlicher Dokumente, Legenden zu Bildexponaten und Kommentaren.
Diese Informationen sind auch ins Englische, Italienische, Spanische, Französische und teilweise ins Griechische übersetzt, so dass auch nicht deutschsprechende Besucher dem Gang der Ausstellung genau folgen können.

Ein Ziel dieser grundlegenden Dokumentation ist ihr didaktischer Anspruch. Wir sind darauf bedacht, dass wir Annäherungen an Hölderlins Werk ermöglichen und das Interesse für seine Person, sein Werk und seine Zeit wecken.

Die Begleitbände verstehen sich als Lese- und Informationswerk zu den Tafeln, sind in kurzen Aufsätzen von Spezialisten zu den einzelnen Teilthemen publikumsfreundlich geschrieben, enthalten neueste Forschungsergebnisse und präsentieren viele Bilder. Sie eignen sich auch für die punktuelle und kursorische Lektüre und sind auch unabhängig von der Ausstellung lesbar. Die bereits erschienenen Bände sind längst zu Standardwerken der Hölderlin-Biographie geworden.

Die Wahl des Ausstellungssystems (Mero-Messe-System) bietet entscheidende Vorteile: Da es voll-kommen flexibel ist, kann die Ausstellung den jeweiligen Raumverhältnissen angepasst werden und vorhandene Raumstrukturen sinnvoll aufnehmen; Vitrinen können leicht eingehängt werden; dennoch sind die Transportkosten gering.

Inzwischen wurde das Projekt in seinen einzelnen Teilabschnitten (Tafeln, Text-/ Exponatenhefte, Begleitbände) an über 30 Orten im In- und europäischen Ausland gezeigt. Auch in vielen Schüler- und Studentenseminaren sowie Projektwochen bot Hölderlin  Texturen interessante Leseeinstiege. An allen Orten konnten wir mit den jeweiligen Veranstaltern und Institutionen ein speziell ausgearbeitetes Begleitprogramm gemeinsam konzipieren, das auch die Begegnung mit anderen Künsten herbeiführte (Theater, Film, Malerei, Skulptur, Musik).

Geplant ist ferner, die Ausstellungstafeln ins Internet zu stellen und für Lehrende und Lernende zugänglich zu machen.

Ein jeweils ausgewähltes Forschungs-Team erarbeitet Ausstellung und Publikation.


Aktueller Stand

Fünf Publikationen mit Ausstellungen sind fertiggestellt:

 

Hölderlin∙Texturen 1.1: »Alle meine Hofnungen«. Lauffen, Nürtingen, Denkendorf, Maulbronn. 1770-1788 (Tübingen 2003. 404 S., 160 Abb.) – Ausstellung: 5 Texttafeln und 19 Bildtafeln

Der Band enthält die erste Lebensperiode Hölderlins bis zum Eintritt ins Tübinger Stift. Hölderlins Heranwachsen im kulturhistorischen Kontext des Herzogtums Wirtemberg unter der Herrschaft des aufgeklärten Despoten Carl Eugen und der Landesmutter Franziska von Hohenheim wird gezeigt. Die Familie Hölderlin in Lauffen, die Familie Gok in Nürtingen sind eingebunden im dichten Gewebe der »Ehrbarkeit« und eines von pietistischer Frömmigkeit bestimmten Gemeindelebens. Die Pfarrer und die Lehrer der Klosterschulen prägten Denk- und Verhaltensweisen ihrer Schüler nachhaltig; Hölderlins »zornige Sehnsucht« nach »Klopstoksgröße« findet deshalb eher Ablehnung als aufmunterndes Echo, auch unter den Mitschülern. Dies wird sich in der Tübinger Zeit, dem Gegenstand des Bandes 1.2, ändern.

 

 

 

Hölderlin∙Texturen 2: Das »Jenaische Project«. Wintersemester 1794/95 mit Vorbereitung und Nachlese (Tübingen 1995. 297 S., 117 Abb.) – Ausstellung: 3 Texttafeln und 21 Bildtafeln

In drei großen Kapiteln wird Hölderlins Jenaische Zeit behandelt: 1. Hölderlins genaue Kant- und Fichte-Lektüre während der Hofmeisterzeit in Waltershausen, um sich vorzubereiten auf 2. das Studium in Jena und die Begegnungen mit Fichte, Niethammer, Schiller, Goethe, Herder und 3. die Folgen dieses Lebensabschnitts unter allen relevanten Aspekten. Hölderlin selbst wertete die Bedeutung dieser Periode als für sein »ganzes künftiges Leben wahrscheinlich ser entscheidend«.
Jena, damals Zentrum der wichtigsten philosophischen Diskussion, hatte die politisch wachste Studentenschaft der deutschsprachigen Universitäten, war zudem begünstigt durch die Nähe des Musenzentrums Weimar. Frau von Kalb, die Mutter seines Zöglings, förderte Hölderlin wie zuvor Schiller, führte ihn in Weimar ein und nährte eine Zeitlang die Hoffnung bei ihm, Hauslehrer in der Familie Herder zu werden. Die vielfältigen Verflechtungen und Gespräche in Hölderlins Jena-er Periode machten ihn zum Mitwirkenden der Gründungsepoche der deutschen idealistischen Philosophie. Diese war gleichzeitig eine Epoche der Konzeption von Dichtung als Vollendung von Philosophie und Geschichtswissenschaft.

 

 

 

Hölderlin∙Texturen 3: »Gestalten der Welt«. Frankfurt. 1796-1798
(Tübingen 1996. 357 S., 94 Abb.) – Ausstellung: 4 Texttafeln und 18 Bildtafeln

Die Epoche in Frankfurt brachte für Hölderlin nicht nur die Begegnung mit Susette Gontard, sondern auch die Erfahrung einer Großstadt und einer großbürgerlichen Gesellschaft, den Umgang mit dem Arzt und Naturforscher Johann Gottfried Ebel, mit dem Freund Isaac von Sinclair in Homburg, dem Historiker Niklas Vogt in Mainz. Mit Hegel, der seit Anfang 1797 in Frankfurt ebenfalls als Hauslehrer tätig war, führte er philosophische Gespräche. Schelling besuchte ihn auf der Durchreise. Hölderlin erlebte auch den Krieg mit seinem Flüchtlingselend. Im Juli 1796 eroberten französische Truppen die Stadt. Vorher war die Familie Gontard mit Hölderlin – der Hausherr war zurückgeblieben – über Kassel nach Bad Driburg geflohen. In Kassel gesellte sich Wilhelm Heinse dazu, »ein durch und durch treflicher Mensch«, wie Hölderlin schrieb.
In diesem Band wird dargelegt, dass seine Bedeutung für die Entwicklung der Poetik Hölderlins viel größer ist, als bislang angenommen. Wenn auch diese Lebensphase Hölderlins am Ende wieder in eine Krise führte, so war sie doch für seine dichterische Entwicklung sehr produktiv. Mit Hegel und Schelling hat Hölderlin in Frankfurt über das Programm einer »neuen Mythologie« und über die Möglichkeiten einer Volkserziehung diskutiert, hier hat er seinen Roman ein letztes Mal überarbeitet und den »Frankfurter Plan« seines dramatischen Projektes ›Empedokles‹ entworfen, hier hat er eine neue Poetik entwickelt und mit neuen poetischen Formen experimentiert.

 

 

 

Hölderlin∙Texturen 4: »Wo sind jezt Dichter?« Homburg, Stuttgart. 1798-1800
(Tübingen 2002. 454 S., 139 Abb.) – Ausstellung: 5 Texttafeln und 18 Bildtafeln

Dieser Band behandelt die erste Homburger Zeit Hölderlins, die bis in den Sommer 1800 reicht, und seinen Aufenthalt im Hause des Freundes Landauer in Stuttgart. Ende 1800 verlässt Hölderlin Stuttgart, um eine neue Hofmeisterstelle in Hauptwil in der Schweiz anzutreten.
In der Homburger Zeit entstehen seine großen theoretischen Abhandlungen, die drei (unvollendeten) Fassungen des ›Empedokles‹-Dramas, hier entsteht eine neue poetische Sprache, aus leidvollen Erfahrungen gewonnen. Dass Kunst aus dem Leben hervorgehen müsse, wird nun seine Überzeugung. Zu diesem Grund der Poesie gehört für ihn auch die politische Revolution seiner Zeit.
Hölderlin versucht, mit Hilfe eines Zeitschriften-Projekts ein Leben als unabhängiger, freier Schriftsteller zu führen. Große Politik erlebt er aus nächster Nähe, nämlich den Rastatter Kongress. Auf diesem Kongress wurden die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich und die Entschädigungsansprüche der Fürsten verhandelt. Hölderlin war von diesem Kongress, zumal von der Politik Frankreichs, in seinen republikanischen Hoffnungen tief enttäuscht. Als »eigentlichen Gewinn« machte er die Bekanntschaft von politisch Gleichgesinnten, jungen Männern »voll Geist und reinen Triebs.«

 

 

 

Hölderlin∙Texturen 5.1: »Unter den Alpen gesungen«. Hölderlin als Hauslehrer in Hauptwil. 1801
(Tübingen 2008. 252 S., 80 Abb.) – Ausstellung: 1 Texttafel und 11 Bildtafeln

Im Mittelpunkt steht Hölderlins Hauslehrerzeit in Hauptwil in der Schweiz (1801). Schon 1791 hatte Hölderlin die Schweiz besucht. Seine Pilgerreise zu Lavater gehört zu den wichtigen Ereignissen in Hölderlins Tübinger Stiftszeit. Der spätere Freund Böhlendorff, den er in Jena kennengelernt hatte, wurde Zeuge der alten Eidgenossenschaft und verfasste anonym die Schrift ›Geschichte der Helvetischen Revoluzion‹. Die Schweiz steht als ideales Bild für das Land der Freiheit.
Als Vorbilder für dieses Ideal gelten Albrecht von Hallers ›Die Alpen‹, Rousseaus ›Julie ou la Nouvelle Héloïse‹ und Lavater mit seinen ›Schweizerliedern‹. Persönliches Vorbild wird für Hölderlin der republikanisch gesinnte Arzt und Naturforscher Johann Gottfried Ebel, dem Hölderlin seine Stelle im Haus der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard verdankte. Mit ihm teilte seine Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution und für die Schweiz. Ebel hatte schon 1793 seine ›Anleitung auf die nützlichste und genußvollste Art in der Schweiz zu reisen‹ veröffentlicht, ein Werk, das zum Klassiker der zeitgenössischen Reiseliteratur wurde. Nicht nur die erhabene Ursprungsgewalt der Alpen (in Anlehnung an Rousseau) wird beschrieben, sondern auch die Schweizer selbst mit ihrer vorbildlich verwirklichten Humanität, als Vorreiter der Demokratie in Europa. Noch im Frühjahr 1799, vor dem Koalitionskrieg hoffte Schwaben, sich mit der Schweiz zu vereinen und eine Republik bis an den Main zu gründen. Das jähe Ende des Rastatter Kongresses – auch Hölderlin gehörte zu den jungen, republikanisch gesinnten Teilnehmern – setzte solchen Hoffnungen ebenfalls eine Ende.
Nun, im Dezember 1800, erlebte Hölderlin selbst die »große Natur«, die Alpen werden zu einem prägenden Erlebnis, das sich in der Dichtung niederschlägt. Möglicherweise lässt sich der Name »Scardanelli«, den er sich in der späten Turmzeit selbst gab, auf einen Ort in der Schweiz zurückführen.