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Montag, 22.01.2018

Monographien

Abstracts

Die Hölderlin-Gesellschaft gibt an dieser Stelle Autoren die Möglichkeit, ihre Arbeiten zum Werk Hölderlins anzuzeigen und vorzustellen. Es soll der Ort sein, an dem interessierte Leser und Wissenschaftler Einblick nehmen können sowohl in Forschungsbeiträge – Monographien, Aufsätze, Essays – als auch in neue Formen künstlerischer Kreation und Rezeption.

Die als Abstract gedachte Vorstellung soll im Umfang der jeweiligen Arbeit angemessen sein, jedoch zwei DINA 4-Seiten nicht überschreiten.

Wir laden alle Autoren ein, dieses Publikationsforum zu nutzen. Vielleicht gelingt es, à la longue, die Internationale Hölderlin-Bibliographie (www.wlb-stuttgart.de/archive/hoelihb2.htm) durch eine Art kommentierte Auswahl zu ergänzen.

Da nicht immer die Adresse der Autoren zu ermitteln ist, bitten wir Sie ausdrücklich, uns Ihren Abstract auch ohne persönliche Anfrage zu schicken an:

info(at)hoelderlin-gesellschaft(dot)de

oder per Post an die

Geschäftsstelle der Hölderlin-Gesellschaft, Bursagasse 6, 72070 Tübingen.

 

Bitte verwenden Sie beim Schreiben Ihres Abstracts keine Formatierungen. Wir werden die Beiträge redaktionell einrichten. Notwendig sind die genauen bibliographischen Angaben.

 

Gabriele von Bassermann-Jordan

„Schönes Leben! du lebst, wie die zarten Blüthen im Winter …“ Die Figur der Diotima in Hölderlins Lyrik und im „Hyperion“-Projekt. Theorie und dichterische Praxis. Würzburg 2004. 227 S., ISBN 3-8260-2550-4 

Die Münchner Dissertation ist einem Grundproblem im Werk Friedrich Hölderlins gewidmet, der Frage nach der Begründung eines objektiv Schönen. Die Arbeit weist zunächst die Virulenz des Schönen und die Möglichkeiten seiner objektiven Begründung theoretisch nach, um sodann nach der dichterischen Umsetzung des Schönen im Hyperion und in der Diotima-Lyrik zu fragen. Der Zusammenhang der Diotima-Figur des Romans mit der Diotima-Lyrik ist in der Hölderlin-Forschung bisher vernachlässigt geblieben.

Das Diotima-Thema wird im ersten Hauptteil der Studie in den philosophischen und ästhetischen Debatten des 18. Jahrhunderts kontextualisiert. Neben der zentralen Gestalt Spinoza – in der Vermittlung durch Jacobi – sind für Hölderlins Begriff des objektiv Schönen insbesondere Platon, Kant, Schiller und Fichte von Bedeutung. Kants Kritik der Urteilskraft bedeutet für die Schönheitsdebatte des 18. Jahrhunderts einen epochalen Einschnitt, da Kant das Schöne auf einen subjektiven Bestimmungsgrund reduziert. Schillers ästhetische Abhandlungen arbeiten sich daran – ohne zufriedenstellendes Ergebnis, wie Hölderlin moniert – ab, indem sie für das subjektiv Schöne ein objektives Korrelat zu begründen suchen. Um beides zusammenführen zu können, muß Hölderlin einen allen Dualismen vorausliegenden „differenzlosen Urgrund“ (S. 113) philosophisch begründen, auf den das Schöne bezogen werden kann.

Der zweite Hauptteil der Arbeit analysiert die Entwicklung des Schönheitsbegriffs in den einzelnen Fassungen des Hyperion. In der Vorrede zur vorletzten Fassung (1795) gelingt es Hölderlin, einen historisch vermittelten Spinozismus für die Bestimmung des Schönen fruchtbar zu machen: Als Schönes zeigt sich das Absolute dem endlichen Subjekt. Mit dieser Konzeption geht Hölderlin eben jenen Schritt „über die Kantische Gränzlinie“ (an Neuffer, 10. Oktober 1794) hinaus, den er bei Schiller vergeblich gesucht hat. Für die Endfassung des Hyperion (1797/99) konstatiert die Arbeit jedoch eine letzte „Spannung“ zwischen „Hölderlins theoretischer Bestimmung des Schönen und der dichterischen Umsetzung“ (S. 145).

Die Diotima-Lyrik wird in dieser Studie als Fortschreibung der mit der Romanfigur gesetzten Thematik, aber auch als Erprobung alternativer Deutungsmuster in einer anderen Gattung verstanden. Ihr ist der dritte Hauptteil der Arbeit gewidmet. Anhand insgesamt 10 detaillierter Analysen der zwischen 1796 und 1800 entstandenen Diotima-Gedichte gelangt die Studie zu dem Ergebnis, daß die Lyrik die philosophischen Vorgaben der Vorrede zur vorletzten Hyperion-Fassung „klarer und bestimmter“ umsetzt als der Roman (S. 212). Die Diotima-Lyrik ergänzend zum Hyperion zu betrachten erweist sich also als unerläßlich für das Verständnis des Schönen bei Hölderlin.

 

Simone Bautz: Gerhard Schumann – Biographie. Werk. Wirkung eines prominenten nationalsozialistischen Autors, [Diss. 2006], Giessen 2008 

In dieser Dissertation sind Gerhard Schumanns Biographie, Werk sowie dessen Wirkung im Rahmen historischer Ereignisse dargestellt und analysiert worden, um einen Beitrag zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Literatur zu leisten. Kontinuitäten innerhalb der Literatur des Autors vor 1933, zwischen 1933 und 1945 sowie nach 1945 sollen dabei herausgestellt werden. Zentrale Themen und Motive im Werk des Autors werden aufgezeigt.

Biographie, Gesamtwerk und Wirkung des Autors Gerhard Schumann sind auf der Grundlage von zeitgenössischem Quellenmaterial untersucht worden. Dies liegt in Form von Zeitungsartikeln, Briefen, Gesetzestexten, Aktenmaterial u.a. vor. Dazu waren verschiedene Archivreisen notwendig, um das Material zu sichten, zu sammeln und auszuwerten. Besuche folgender Archive waren dazu notwendig: Literaturarchiv in Marbach am Neckar, Hölderlin-Archiv in Stuttgart, Stadt-, Universitätsarchiv und Archiv der Hölderlin-Gesellschaft in Tübingen, Bundesarchiv in Koblenz mit den Außenstellen Berlin Lichterfelde, Freiburg im Breisgau und der Hauptstelle Koblenz, Bayerisches Hauptstaatsarchiv in München und Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main.

Im Anschluss an die Biographie, die chronologisch den Lebensstationen Schumanns folgt, wird das Werk des Dichters, insbesondere seine nationalsozialistische Poetik, beschrieben, interpretiert und dessen Wirkung untersucht. Dabei werden Schumann und sein Werk in die Gruppe nationalsozialistischer Autoren, wie Anacker, Baumann, Bethge, Blunck, Euringer, Johst, Schauwecker, Vesper und von Scholz, eingeordnet. Ein Gesamtüberblick über Schumanns Werk und eine Analyse der Hauptwerke des Autors erfolgt. Zu berücksichtigen ist, dass Schumanns Werk nicht als Gesamtausgabe vorliegt, und die Analyse nur ent-sprechend der vorhandenen Einzelausgaben erfolgen konnte. Dies lässt sich auch darauf zurückführen, dass er nicht den Popularitätsgrad besaß, wie zum Beispiel Hans Friedrich Blunck, für den die Blunck-Gesellschaft eine Gesamtausgabe herausgegeben hatte. Innerhalb der Werkbetrachtung, in der alle Schriften, die Schumann verfasste, berücksichtigt und die Hauptwerke näher analysiert werden, soll auf die Wirkung der Werke – vor allem der lyrischen und dramatischen – eingegangen werden. Von Bedeutsamkeit ist dabei, auf welche Weise sich seine lyrische Produktion nach 1945 von der früheren unterscheidet und inwieweit sich noch Parallelen aufzeigen lassen. Dabei findet ein Vergleich seiner Biographie mit der anderer nationalsozialistischer Autoren statt. Die Wirkung seiner Werke in dieser Zeit ist mit einzubeziehen und seine Rolle im kulturpolitischen Geschehen zu untersuchen.

Mit der vorliegenden Arbeit soll exemplarisch gezeigt werden, dass Schumann – und er ist kein Einzelfall – als Lyriker und Kulturpolitiker des nationalsozialistischen Regimes zu sehen ist. Schumann gehörte zu einer Generation, die sich in den Dienst eines totalitären Systems stellte und ohne eine fundierte Ausbildung Karriere machte. Er hatte Ämter in der Reichsschrifttumskammer und im Reichskultursenat inne, war der erste Präsident der Hölderlingesellschaft und Chefdramaturg des Württembergischen Staatstheaters in Stuttgart. Seine Lyrik hatte Propagandafunktion und trug dazu bei, das natio­nalsozialistische Herr-schaftssystem zu etablieren und zu stützen. Auf Schumanns Erfolg als Dichter wird eingegangen, vor allem auf die Zeit zwischen 1939 und 1945, da während des Kriegs seine »Kriegs- und Reichslyrik« in hohen Stückzahlen aufgelegt wurde. Zunächst soll die nationalsozialistische Poetik am Beispiel Gerhard Schumanns dargestellt werden. Im Anschluss daran folgt die Thematisierung der frühen Kriegslyrik. Auch folgt ein allgemeines Kapitel zur Poetik des Nationalsozialismus am Beispiel Gerhard Schumanns. Am Ende der Forschungsarbeit wird auf Schumanns Selbstverständnis als nationalsozialistischer Autor und die nationalsozialistische Poetik eingegangen und deutlich gemacht, dass er einer der „prominenten“ nationalsozialistischen Dichter war. Abschließend finden die späte Kriegslyrik und Dramatik Beachtung sowie eine Motivanalyse bezüglich des »Führerkultes« und der »Reichsthematik« bezogen auf das Gesamtwerk des Autors. Dabei erfolgt ein Vergleich mit der Biographie des Juristen Werner Best, durch den deutlich werden soll, dass die nationalsozialistischen Karrieren in den unterschiedlichen Bereichen Parallelen aufweisen. Die Untersuchung liefert eine Gesamtbibliographie des literarischen und essayistischen Werks, das Schumann vor, während und nach dem Nationalsozialismus verfasste. Auch gebe ich einen Überblick über die relevante Sekundärliteratur zur Gesamtthematik der vorliegenden Arbeit.

 

Anke Bennholdt-Thomsen und Alfredo Guzzoni: Analecta III: Hesperische Verheißungen, Würzburg 2007, 237 S.

Der dritte Band der Analecta Hölderliniana ergänzt einerseits die schon vorhandene Reihe von Gesamtinterpretionen später Fragmente Hölderlins, insbesondere aus dem Homburger Folioheft (Analecta I: … Der Vatikan …, Griechenland; Analecta II: Sonst nemlich, Vater Zevs …, Der Adler, Heidnisches / Jo Bacche …, Einst hab ich die Muse gefragt …, Meinest Du / Es solle gehen …) und liefert ein Stellenregister für alle drei Bände. Er widmet sich andererseits wieder bestimmten Themenkomplexen in kursorisch vergleichender Lektüre dafür einschlägiger Stellen. Auswahl der Texte und Themen wurde von einem gemeinsamen Gesichtspunkt geleitet, den der Untertitel benennt.
Die hesperischen Verheißungen verdanken sich nicht dem Rückblick auf die antike Welt, sondern auf die Genese des zeitgenössischen Europa. Es handelt sich einerseits um die mit dem Beginn der Neuzeit einsetzende Erkundung ferner Meeresküsten, wie sie etwa die Gedichtfragmente Tinian und Kolomb bieten, also um die Erweiterung, Festigung und Bereicherung des hesperischen Erdteils; andererseits um die christlich-abendländlische Welt des Mittelalters, die Hölderlin in Passagen etwa aus Patmos, Der Einzige, An die Madonna fokussiert, um die Tauglichkeit der Stoffangebote für den hesperischen Gesang zu prüfen.

 

Marco Castellari: Friedrich Hölderlin. ‘Hyperion’ nello specchio della critica, Milano 2002, 436 S.

Die Studie, überarbeitete Fassung einer Magisterarbeit an der Università degli Studi di Milano, stellt den Versuch dar, anhand sämtlicher Beispiele der kritischen Auseinandersetzung mit Hölderlins Roman die Geschichte der ‘Hyperion’- und von diesem speziellen Standpunkt aus auch der gesamten Hölderlinforschung neu zu lesen. Besonders berücksichtigt wurden die sonst oft vernachlässigten ersten Jahrzehnte der Rezeption, die bahnbrechende Rolle der Diltheyschen ‘Hyperion’-Deutung, die aufschlußreiche Randstellung des Romans in der sogenannten Hölderlin-Renaissance und in der späteren völkisch-vaterländischen Pervertierung des Dichterbildes, die Fixierung der wichtigsten kritischen (Vor)Urteile in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und die Ansätze neuerer, poststrukturalistisch gestimmter Lektüren in den letzten zehn Jahren.

 

Karin Dahlke: Äußerste Freiheit. Wahnsinn / Sublimierung / Poetik des Tragischen der Moderne. Lektüren zu Hölderlins ›Grund zum Empedokles‹ und zu den ›Anmerkungen zum Oedipus und zur ›Antigonä‹, Würzburg 2008

Diese Dissertation liest die poetologischen Schriften Hölderlins zum Tragischen noch einmal wie neu und zeigt, dass Hölderlin mit seiner Poetik eine Sublimierung der anderen Hälfte der Moderne gelingt, das heißt, er findet für die ihr inhärente stumme Gewalt, Verwirrung wie Verwilderung eine Sprache äußerster Freiheit, und dies in dem Maße, wie ihm die Sublimierung des eigenen „verwilderten Geistes“ glückt. Dazu wird ausgehend von Foucaults Literaturtheorie sowie mit Bezug auf Blanchot sowie Laplanche eine Logik des Selben zwischen der Literatur der Moderne und dem Wahnsinn herausgearbeitet, da beide ihren Ursprung im Trauma der Moderne haben, einer Leere inmitten der Ordnung, dramatisiert als Tod des Gottes wie der Väter. Eine Relektüre von Freuds Studie zu Leonardo da Vinci verdeutlicht, dass der Narzissmus, oft bloß als Krankheit der Modere beklagt, eine notwendige Bedingung für die Sublimierung auf individueller Ebene darstellt. Mit Lacans Kommentar zur ›Antigone‹ wird das Trauma der Moderne mit dem Schauplatz der Tragödie verbunden und erlaubt im Schein des Wahnsinns die Erhellung eines „reinen Begehrens“ an der Grenze der Sprache. Diese theoretischen Referenzen werden dann jedoch nicht der Poetik appliziert, sondern es wird vielmehr davon ausgehend eine Lektüre vorgenommen, die den Texten fast Satz für Satz folgt, um schließlich eine blendend helle Logik des Tragischen der Moderne zu enthüllen, deren Radikalität weit über die bekannte Poetik der Cäsur hinausgeht, jedoch bis heute nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit gefunden hat. Aber erst Hölderlins Sublimierung des Tragischen unter der „apriorität des Individuellen über das Ganze“ schenkt der Sprache eine äußerste Freiheit, immer spielend zwischen Feuer und Eis, zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.

 

Eva Kocziszky: Orientalische Kulturräume bei Hölderlin: Kleinasien, Ägypten, Arabien. In: Recherches Germaniques 36, 2006, S. 23-57

Die Studie versucht, Hölderlins Denken, insbesondere sein Wissen über Antike und Orient, mit dem ästhetischen und geschichtsphilosophischen Diskurs seiner Zeit zu verbinden. Sie will die allgemein verbreitete Ansicht widerlegen, daß der Orient in Hölderlins Werk bloß als das Herkunftsland der griechischen Kultur betrachtet werden kann. Wegen dieser Herleitung wurde Hölderlin aus der Perspektive „des Hesperischen“, aus dem Aspekt der so genannten „junonischen Nüchternheit“ gelesen, die der humanistisch gedeuteten Kunstwelt der Griechen verpflichtet war. Der Aufsatz versucht dagegen zu zeigen, daß es zwar „den Orient“ als ein geschlossenes Kulturkonzept in der Einzahl bei Hölderlin nicht gibt, die einzelnen Orte, die charakteristischen orientalischen Landschaften aber im Spätwerk eine überaus wichtige Rolle spielen. Sie bilden unterschiedliche, einander mehr oder weniger ergänzende Zugänge zu einer Urlandschaft der Erfahrung des Göttlichen. Im ersten Teil des Aufsatzes wird dargelegt, daß Hölderlins Griechenland vom Anfang an ex-zentriert war: Sein Wesenszug war nicht vom klassischen Athen her, sondern, aufgrund der Landschaft des ionischen Kleinasiens, aus der orientalischen Welt Homers verstanden. Der zweite Teil schildert Hölderlins zwiespältiges Verhältnis zu Ägypten. Im dritten Teil wird Hölderlins dichterische Topographie Arabien verfolgt, sowie nach den Quellen seiner Kenntnisse gefragt.

  

Christian Oestersandfort: Immanente Poetik und poetische Diätetik in Hölderlins Turmdichtung, Tübingen 2006, 397 S.

Diese Arbeit ist ein Versuch, Hölderlins Turmdichtung erstmals umfassend zu deuten und strukturell zu erschließen. Zunächst wird die immanente Poetik der Turmdichtung unter den Gesichtspunkten der Bildlichkeit, der Landschaft, der Zeit und des Raumes rekonstruiert. Anschließend wird ein Zugang zur diätetisch-therapeutischen Poetik der Turmdichtung eröffnet. Es zeigt sich dabei, daß diese diätetische Poetik eng mit einer Therapeutik des Lebens verbunden ist, die zugleich eine Hermeneutik des Lebens darstellt. Hölderlin steht noch zu Lebzeiten in der Diskurs-Geschichte des ,wahnsinnigen Dichters‘; er lebt im Tübinger Turm notgedrungen einen Topos, erscheint als ein neuer Tasso – eine Rolle, in die er sich geradezu gedrängt sehen mußte. Der circulus vitiosus, als Kranker zugleich immer auch die Rolle eines Kranken spielen zu müssen, ist für das bedrängte Selbst eine besondere Herausforderung. So wie Hölderlins Dichtung enthält auch seine Lebenspraxis diätetische Züge. Dies zeigt sich in ihrer Sparsamkeit, ihrer Rhythmik, in der Bedeutung als Ausdruck und Therapie der Unruhe, in der Ritualität der sozialen Interaktion, wie sie Hölderlin in seiner Rolle als „Scardanelli“ zum Ausdruck bringt. Das Pseudonym „Scardanelli“ wird dabei als inszenatorische Reflexionsfigur des wahnsinnigen Dichters und eines poeta minor gedeutet.

 

Sailer-Wlasits, Paul: Hermeneutik des Mythos. Philosophie der Mythologie zwischen Lógos und Léxis. Wien-Klosterneuburg: EDITION VA bENE 2007 (Reihe: Eine Analyse), ISBN 978-3-85167-190-2

Wenn das ursprüngliche Sagen zur Sprache kommt und von den ersten Erzählungen die Rede ist, beginnt der narrative Grundbestand, dem Staunen und der Furcht einen Namen zu verleihen. Das Namenlose und Unbenannte entzieht sich zunächst jeglicher Hermeneutik, erst in der sprachlichen Gabe der Theogonie wird der Mythos einer Anschauung und einem Verstehen zugeführt. Jedes Erzählen des Mythos ist eine Replik auf die Endlichkeit des menschlichen Daseins und eine Replik auf jenes, dem per conventionem der Name Zeit verliehen ist. Solches Replizieren ist stets bewahrendes Nennen der je eigenen Herkunft. Aus dem Grundbestand dieses Sagens werden einige jener Aspekte beleuchtet, die den Mythos konstituieren – nicht definieren – um die große Narration hermeneutisch Stück für Stück zu umfassen und einer neuen Lektüre zuführen. Die Lesarten der Theogonie als Genese, als Ikonologie und als Ästhetik des Mythos werden im hermeneutischen Vollzug auf jenen Punkt zurückgeführt, von dem sie sich herschreiben. Zwischen Lógos und Léxis besteht eine textuelle Differenz, in welcher der Mythos situiert ist; es ist dies ein Zwischenraum am Rande der Äquivalenz, die niemals zur Gleichheit werden kann.
Das vierte Kapitel der sprachphilosophischen Studie widmet sich Friedrich Hölderlin. In: „Zur Ästhetik des Mythischen“, wird den mannigfaltigen Fragen nach der immensen Haltbarkeit mythischer Erzählungen nachgegangen. Die Wechselwirkung von Möglichkeit und Wirklichkeit und das simultane Nebeneinanderhalten von modaler und realer Anschauung ist nicht nur eine wesentliche Bedingung für die textuelle Genese des Mythos, sondern gleichzeitig auch Teil der Erklärung seiner „ikonischen Konstanz“ (Hans Blumenberg). Wenn im poetischen Text von Göttern die Rede ist, steigen diese im hermeneutischen Vollzug zur ästhetischen Wirklichkeit des Dichters auf, zu seiner Wahrheit als einer Wahrheit des Bekennenden. Friedrich Hölderlins Gedichte und Hymnen sind lebendiges Andenken eines ästhetischen Blickes auf den Ursprung der Erzählung. Seine Gesänge und Gedichte erzählen auch von der Unsicherheit und vom Zweifel darüber, ob die adäquate Sprache jemals gefunden werden könne, in der die Götter anzusprechen seien. Darin leuchtet die dichterische Grundhaltung auf, die mit der These Herodots, nach welcher Homer und Hesiod den Hellenen erst ihre Götter sprachlich gegeben hätten, in Einklang steht. Seit die Sprache besteht und zur Möglichkeit drängt, zum Wort zu werden, werden die Himmlischen von den Menschen genannt, ihr Wirklichkeitsganzes wird dichterisch gegeben und das bis dahin Un-erhörte wird zu Gehör gebracht.
Hölderlins dichterisches Geben entspricht einem sprachlichen Begleiten, einem Herbeiführen der Götter, einem Zu-Gehör-Bringen, daher gilt für die Poesie wie für die mythische Narration, daß nur ein Hörenkönnen es ermöglicht, das Auszulegende in den Blick zu nehmen und einem Verstehen zuzuführen. So ist Hölderlins lebendiger Götterhimmel nicht nur voll von Zeichen und Andeutungen, sondern die Sprache ist für ihn bereits in ein Gespräch gebracht. Im Gegenwärtighalten des Gehörten bleibt die Spannung des Hörens auf die Einfachheit des Wortes gerichtet, erst allmählich erschließt sich sein Bedeutungshorizont, in dem das Begegnen des Gedichtes geschieht. Gott wird mit seinem ursprünglichen Namen angerufen, das Bleibende, das nach Hölderlin die Dichter stiften, deutet auf die narrative Haltbarkeit des Mythos hin.

Das phänomenologische Vermächtnis der Spur, verbunden mit jener unräumlichen, ortlosen Geschichte der Zeit, hinterläßt unübersehbare, untilgbare narrative Spuren. Ernst Cassirer verweist auf Friedrich Hölderlins sprachliches Durchdringen von Subjekt und Objekt, welches sich als Verschmelzung von Innen- und Außenwelt in zahlreichen Gedichten zeigt. Hölderlins Welt des Mythos ist nicht in einem entrückten Außerhalb gelegen, sondern nahe an seiner subjektiven Erscheinungswelt; daher sind seine Metaphern bereits von einem latenten zu einem manifesten Text geworden und verweisen in die Eigentlichkeit zurück. Ein Durchdringen von Metapher und Eigentlichkeit kommt auch am Ende dieses Kapitels zur Sprache, wenn apollinische und dionysische Aspekte im mythischen Kontext gegenübergestellt werden. Die Herkunft des Mythos wird mit der Herkunft des Dionysischen parallelisiert, als Herausstellung des Unterschiedes von profaner Welt und Mythos. Durch das Vernehmen des Mythos aus den Texten der Poesie und der Narration, wie etwa jener des bekannten Semele-Mythos, ist der Einstieg in den hermeneutischen Zirkel auf einer basalen Ebene möglich, auf der dem Mythos zugleich inhaltlich nach-gedacht wird und in welchem derselbe Mythos zugleich auch als äußere Form des Mythos wahrgenommen wird.