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Mittwoch, 22.11.2017

Abstracts (2010-2015)

Eberhard Geisler

„Hölderlin und die Gabe“. In: International Yearbook for Hermeneutics / Internationales Jahrbuch für Hermeneutik, hg. von Günter Figal, 12, 2013, S.220-255.

Der Beitrag schlägt vor, Hölderlins Dichtung unter ökonomischen Aspekten und insbesondere im Blick auf das Phänomen der Gabe zu lesen. Gestützt auf Derridas Ausführungen zu diesem Thema soll nachgewiesen werden, dass Heideggers und Adornos als so konträr geltende Deutungen des Lyrikers durchaus zusammengeführt werden können, wenn Heideggers Ansatz um eine explizite ökonomische Perspektive erweitert, und Adornos Aufmerksamkeit für des Dichters Kritik am bürgerlichen Tauschprinzip ergänzt wird um das Verständnis für Hölderlins tiefe Empfänglichkeit für die Rätselhaftigkeit der sich dem Ökonomischen entziehenden Gabe. An den von ihm bewunderten Rousseau anknüpfend, aber dessen diesbezüglichen Einsichten weiterführend, umkreist Hölderlin immer wieder Phänomene wie Brauchen und Nutzen und versucht, ein Verhältnis zu Welt und Gesellschaft zu denken, das den Gesetzen der bürgerlichen Ökonomie enthoben wäre. Der Artikel bietet einen Gang durch sein Werk von der frühen Lyrik über den Hyperion, den Tod des Empedokles bis hin zu den späten Hymnen und zeigt die durchgehaltene Präsenz des Themas der Gabe und die hochreflektierte Auseinandersetzung mit ihm.

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Oliver Ruf

Hölderlin-Kino: Schrift als Bild im zeitgenössischen Film

Abstract

Kein traditionelles Diskurssystem fühlt sich durch die technischen Reproduktionsmedien des Films so grundsätzlich bedroht wie die Schriftlichkeit, besonders ihr Subsystem, die poetisch-fiktionale Narrativität und mit ihr auch die hermeneutische Lesbarkeit der Welt. Daraus erfolgt aber kein Verfall der Schriftkultur, sondern ein Energie- und Motivationspotential, das die Schrift ästhetisch neu zu inszenieren vermag. So kann es auch nicht verwundern, dass jener Autor, für den die Materialität des Schreibens eine mehr als bemerkenswerte Rolle einnimmt, Gegenstand des Mediums Film geworden ist, und zwar explizit im Hinblick auf die ‚Sichtbarkeit’ von (Nieder-)Schrift. Der Beitrag greift diese Beobachtung auf und diskutiert sie erstmals unter Rückgriff auf neuere medientheoretische Ansätze. Untersucht wird Harald Bergmanns Film-Quadrologie, die die Teile Lyrische Suite/Das untergehende Vaterland (1992), Hölderlin Comics (1994), Scardanelli (2000) und Passion Hölderlin (2003) umfasst. Unter den Filmen, die Hölderlin als dramatische Figur auf der Leinwand des zeitgenössischen Kinos beobachten und reflektieren, ist Bergmanns Werk eines der interessantesten. Alle vier Filme zeigen, dass die Dimension von Schriftlichkeit nicht nur eine wichtige thematische wie erzählerische Rolle für Hölderlins Texte spielt, sondern lassen dessen (Hand-)Schrift gleichsam handgreiflich werden, indem Schrift als Bild in Szene gesetzt wird. Dieser Bezug entwickelt sich hier vor allem aus dem In-Szene-Setzen von Hölderlins Schreibprozessualität via Trickanimation. Gerade durch eine solche Verlebendigung poetischer Rede behauptet sich bei Bergmann die traditionelle, aber im Kinozeitalter in Frage gestellte Hegemonie der Schriftlichkeit, um ihre Funktion als Leitmedium zu legitimieren und zu profilieren.

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"Friedrich Hölderlin und die Psychiatrie"

Herausgegeben von Uwe Gonther und Jann E. Schlimme

„Früher oder später beschäftigt sich jeder Psychiater mit Friedrich Hölderlin“ ist der Wahlspruch dieses Buchs. In allgemeinverständlicher Weise erlaubt es die Beschäftigung mit dem Themenfeld „Hölderlin und die Psychiatrie“ auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Hölderlinexperten aus den verschiedensten Fachrichtungen erwecken die jahrhundertealte Debatte um Hölderlins „Wahnsinn“ zum Leben, vermitteln ein plastisches Bild der damaligen Behandlung und eröffnen Schlussfolgerungen für unsere Zeit.

Das Buch gewährt im ersten Teil einen differenzierten und historisch-kritischen Einblick in die Behandlung Friedrich Hölderlins (1770 – 1843) im Tübinger Klinikum 1806-1807 im zeithistorischen Umfeld und seines Befindens in seiner zweiten Lebenshälfte. Hölderlins „Wahnsinn“ ist seit dieser Behandlung fester Bestandteil der Rezeption seiner Werke und der Darstellung seiner Lebensgeschichte. Im 20. Jahrhundert gewinnt die Debatte zwischen den Vertretern der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen hinsichtlich der Einschätzung dieses „Wahnsinns“ an Schärfe. Sie eskaliert in den 80er Jahren vor dem Hintergrund eines unterschiedlichen Verständnisses der Schizophrenie. Die präzise Aufarbeitung dieser zum Teil erbittert geführten Debatte zwischen den Vertretern der Geistes- und Literaturwissenschaften und der Psychiatrie erfolgt im zweiten Teil des Buchs. Dabei wird insbesondere die feingliedrige Vernetzung dessen, was historisch jeweils gerade als „Wahnsinn“ oder „Schizophrenie“ verstanden wurde, mit ihrem kulturellen Kontext deutlich. Das Potential geistes- und literaturwissenschaftlicher Methoden wird dann, abseits pathographischer Zuschreibungen, im dritten Teil für die aktuelle Psychiatrie ausgeschöpft. Aus der konkreten Auseinandersetzung mit dem Werk und der Person Hölderlins und seiner psychischen Alteration in der zweiten Lebenshälfte können dabei wichtige Verständniseinsichten für den mitmenschlich normalisierenden Umgang mit an Psychosen erkrankten Menschen gewonnen werden.

Ein höchst aktuelles und in seiner Interdisziplinarität einzigartiges Buch zur Biografie Friedrich Hölderlins und dem, was eine humane Psychiatrie aus der Beschäftigung mit dieser Fallgeschichte lernen kann.

Mit Beiträgen von:

Claudia Albert, Siegfried Blasche, Klaus Dörner, Wolfgang Emmerich, Michael Franz, Uwe Gonther, Johann Kreuzer, Jann E. Schlimme, Klaus Schonauer und Wolfgang Georg Wallner.

Die Herausgeber:

Uwe Gonther, Jahrgang 1965; Dr. med., Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt am Klinikum Bremerhaven, Leser und Bewunderer Hölderlins seit 1980, Vorträge und Publikationen zum Verhältnis der Psychiatrie zu Hölderlin seit 1998.

Jann E. Schlimme, Jahrgang 1971; Dr. med. Dr. phil. M.A., Privatdozent für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Oberarzt an den Salzburger Universitätskliniken, ab Mai 2010 als Marie-Curie-Stipendiat zweijährige Forschungstätigkeit zum Thema Selbstbestimmung bei psychischen Störungen am Institut für Philosophie der Karl-Franzens-Universität, Graz. Magisterarbeit (2004), Vorträge und Publikationen zum Thema Hölderlin und die Psychiatrie.

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"Über Geist und Buchstabe in den frühen philosophischen Schriften Hölderlins" von Friedrich Strack. Manutius Verlag Heidelberg, 2013

Nachdem die philosophischen Studien Hölderlins lange Zeit wenig Beachtung gefunden hatten, wurden sie in den letzten dreißig Jahren – insbesondere durch die Arbeiten Dieter Henrichs und seiner Schüler – in den Vordergrund gerückt. Man schrieb Hölderlin eine Philosophie sui generis zu, die den Dichter zu einem Wortführer des frühidealistischen Denkens erklärte. Bei dieser Einschätzung spielte die philosophische Skizze Urtheil und Seyn , die Friedrich Beissner 1961 erstmals veröffentlicht und auf Grund orthographischer Indizien in Hölderlins Jenaer Zeit (erste Hälfte des Jahres 1795) eingegliedert hatte, eine Schlüsselrolle. Man begriff sie als einen über Fichtes Ich-Philosophie hinausführenden Entwurf, der die Philosophie der Folgezeit entscheidend geprägt habe.

Gegenüber diesem Ansatz hat der Verfasser der vorliegenden Studie bereits früher Bedenken geäußert. Sie werden jetzt durch den Nachweis erhärtet, dass Hölderlins Skizze erst zu Beginn des Jahres 1796 niedergeschrieben sein kann. Damit wird nicht nur die frühere Datierung, sondern auch das philosophische Konzept, das Hölderlin in Jena entworfen haben soll, in Frage gestellt.

Die Intention der vorliegenden Arbeit ist zu zeigen, dass Hölderlin in seinen frühen philosophischen Studien gerade nicht auf ein „Sein“ vor allem Bewusstsein zielt, sondern auf ein ästhetisches Sein (im Sinne Schillers), das ihm den „Frieden alles Friedens“ (III, 236) verbürgt.

Nach der Promotion in Philosophie mit einer Arbeit über Hölderlins frühe Schönheitsidee („Ästhetik und Freiheit“) und der Habilitation in Germanistik mit einer Studie über Novalis („Im Schatten der Neugier“) war Friedrich Strack zunächst Privatdozent am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Es folgten Gastprofessuren in Halifax (Kanada), Regensburg, Kiel und Jena, ehe er 1989 eine Professur am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg übernahm, die er bis zu seinem Ruhestand (2005) inne hatte.

Zahlreiche Veröffentlichungen zu Klassik und Romantik sowie zum Expressionismus und zur Moderne geben Aufschluss über seine wissenschaftlichen Interessen.