Hölderlin-Gesellschaft
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Peter Härtling 1933-2017

Von 1998 bis 2006 war Peter Härtling Präsident der Hölderlin-Gesellschaft. Er war ein kundiger Freund der Werke Hölderlins, hat sich in zahlreichen Veröffentlichungen mit der Lebensgeschichte von Künstlern befasst und so eine Bibliothek von Künstlerromanen geschaffen. Und er hat Bücher für Kinder geschrieben, die Literaturgeschichte altersgemäß vermitteln.

Wir blicken dankbar auf sein reiches Schaffen und die Begegnungen mit ihm zurück.

Peter Härtling starb am 10. Juli im Alter von 83 Jahren.

 

 

Sommerpause

Das Büro der Hölderlin-Gesellschaft ist im August nicht besetzt. Ab September sind wir wieder von Montag bis Mittwoch für Sie da. Per Mail ist die Geschäftsstelle über info(at)hoelderlin-gesellschaft(dot)de zu erreichen, per Briefpost während der Schließzeit des Hölderlinturms  über die Interimsadresse Hölderlin-Gesellschaft, Postfach 21 02 33, 72025 Tübingen.

Karl Corino zum Tod von Dietrich Uffhausen

Leben für Hölderlin

Er gehörte zu den Schülern Friedrich Beißners, die glaubten, nach der großen Stuttgarter Ausgabe des Meisters gäbe es bei Hölderlin editorisch nichts mehr zu tun. So entschloss er sich zunächst, über die Rede zu promovieren, die Robert Musil 1935 auf dem berühmt-berüchtigten „Kongress zur Verteidigung der Kultur“ in Paris gehalten hatte. In dessen Nachlass gab es umfangreiches Material, das auf Publikation wartete, aber da sich das Parallelunternehmen Adolf Frises über die Maßen verzögerte – die Edition der Musilschen Tagebücher als erster Teil der neuen Werkausgabe erschien erst 1976 – gab Uffhausen sein Projekt nach jahrelangen Vorarbeiten auf. Seine Ehe scheiterte daran. 

Ein Jahr zuvor, 1975, erschien der Einleitungsband Dietrich Eberhard Sattlers zu der großen neuen Hölderlin-Ausgabe im Verlag Roter Stern/Stroemfeld. Das Neue daran war, dass alle Texte Hölderlins im (damals noch schwarzweißen) Faksimile geboten wurden, so dass der Leser jeden Schritt des Herausgebers überprüfen konnte.

Der Haupteinwand Sattlers gegen Beißner war, dass er die späten hymnischen Entwürfe Hölderlins in unzulässiger Weise parzelliert und in kleinen Brocken offeriert hatte. Manchem, der die Handschriften Hölderlins nun erstmals in Reproduktion sah, leuchtete die Kritik Sattlers an Beißner sofort ein. Gleichzeitig bot Sattler aber neue Unmöglichkeiten, editorische Willkür, Beziehungswahn, ja geradezu dadaistische Anwandlungen, dass Uffhausen sofort klar war, nach Zinkernagel, Hellingrath und Beißner und neben Sattler waren in Sachen Hölderlin neue historisch-kritische Anstrengungen notwendig.

Ein Schlüsselerlebnis hatte er als Hilfsarbeiter der Tübinger Universtätsbibliothek. Es ging dabei um den berühmten Wäschezettel, auf dem sich neben der Rechnung der Waschfrau Stichworte des Herrn „Bübeletekars“ fanden. „Tende Strömfeld Simonetta“ begann die Liste, die auf den ersten Blick keinerlei System und Sinn erkennen ließ und schnell als Produkt des Wahnsinns abgetan werden konnte. Uffhausen hatte damals Zugang zu den Wörterbüchern und Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts und beim Blättern im Iselin stellte er fest, dass die scheinbar sinnlosen Vokabeln auf dem Wäschezettel alle als Lemmata in diesem Lexikon vorkamen. Sie hätten also Keimwörter neuer Dichtungen werden können. Da Beißner inzwischen verstorben war, wandte sich Uffhausen mit seiner Entdeckung an den Zürcher Germanisten Wolfgang Binder und promovierte bei ihm mit einer Dissertation vom Umfang einer Seminararbeit. Gewicht ging bei Binder vor Umfang, Sinn-Suche bei Uffhausen vor dem Blättern in den Symptom-Katalogen geistiger Krankheiten.

Was den „Wahnsinn“ Hölderlins angeht, war Uffhausen ein treuer Anhänger Pierre Bertauxs, der den politischen Hölderlin entdeckt hatte und viele der unübersehbaren Störungen auf Hölderlins Angst zurückführte, er könne wegen jakobinischer Umtriebe in den Hochverratsprozess seines Freundes Sinclair verwickelt werden. Uffhausen war der Überzeugung, dass erst die Behandlung in der Autenriethschen Klinik 1806/07 Hölderlin „närrisch“ gemacht habe. Autenriethsche Maske, Einreibung von fiebererzeugenden Kanthariden in Schnitte der Kopfschwarte, Drehstuhl-Schleudern, Zwangsjacke – diese damals üblichen Methoden erinnern heutige   Medizinhistoriker an Faustschläge auf einen defekten Automaten. Andererseits versuchen viele Bertauxianer die Defekte, wie sie Waiblinger schildert und wie sie der Hirnforscher Niels Birbaumer der klassischen Schizophrenie subsumiert – Zwangshandlungen, Stimmenhören –, zu bagatellisieren oder in Abrede zu stellen.

So waren die deutlich stigmatisierten Texte der zweiten Bad Homburger Zeit (1804 – 1806) für Uffhausen der Höhepunkt von Hölderlins Schaffen. Dieser hymnischen Spätdichtung widmete er seine schon äußerlich formatsprengende Edition vom „Bevestigten Gesang“ (Metzler 1989). Dabei ging er davon aus, dass die Texte dem Baugesetz der Pindarschen Hymnen folgten, und wo die Vers- und Strophen-Grenzen in den überbordenden Entwürfen Hölderlins nicht zu erkennen waren, zog er sie nach dem antiken Vorbild. Den Vorwurf einer petitio principii fürchtete er dabei nicht.

Eine paradoxe Wirkung hatte seine Edition auf das Konkurrenz-Unternehmen Sattlers. Der war, wie erwähnt, 1975 mit dem Verdikt angetreten, die Texte des sog. Homburger Folio-Hefts dürften nicht à la Beißner in kleine Stücke zerhackt werden. Nun, da sie Uffhausen integral ediert und interpretiert hatte, kehrte Sattler den Spieß bzw. das Hackebeil um und zerschlug das Material in noch kleinere Teile. Insofern ist Uffhausen bei dieser wichtigen Frage ein treuerer Lordsiegelbewahrer als der vielgepriesene und oftmals ausgezeichnete Sattler.   

„Die Linien des Lebens sind verschieden,“ mit diesem Vierzeiler aus der Turmzeit könnte man schließen. Er endet mit den metaphysische Wiedergutmachung versprechenden Zeilen: „Was  hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen/ Mit  Harmonien und  ewigem Lohn und  Frieden“.

 

 

 

Die Hölderlin-Gesellschaft

Die Hölderlin-Gesellschaft ist eine internationale literarische Gesellschaft. Ihr gehören Interessierte, Wissenschaftler und Studierende aus dem In- und Ausland an.

Sie wurde 1943 in Tübingen gegründet. In ihrer heutigen Form konstituierte sie sich 1946/47 mit dem Ziel, das Verständnis für das Werk Friedrich Hölderlins zu vertiefen und die Erforschung und Darstellung seines Werkes, seines Lebens und seiner Zeit zu fördern.

Die Hölderlin-Gesellschaft ist ein eingetragener Verein, als gemeinnützig anerkannt, mit Sitz im Hölderlinturm in Tübingen. Ihrem von den Mitgliedern gewählten Vorstand unter dem Vorsitz der Präsidentin/des Präsidenten steht ein Beirat zur Seite, in den Vertreter von Behörden und Institutionen, Wissenschaftler, Künstler und Publizisten berufen werden, die sich intensiv mit Hölderlin beschäftigen. Der Beirat wird ebenfalls von den Mitgliedern auf der alle zwei Jahre stattfindenden Mitgliederversammlung gewählt.

Die Hölderlin-Gesellschaft setzt sich in ihrer Arbeit vornehmlich vier Schwerpunkte:

In mehrtägigen zweijährlichen Jahresversammlungen - alternierend in Tübingen und anderen Städten - bietet sie ihren Mitgliedern die Möglichkeit zu einem offenen Austausch zwischen Publikum, Forschern und Künstlern.

Mit ihren Publikationen -Jahrbuch und Schriftenreihe- unterstützt sie die Forschung und vermittelt deren neueste Ergebnisse.

Sie fördert die wissenschaftlichen Hölderlin-Ausgaben und hält engen Kontakt zum Hölderlin-Archiv in Stuttgart.

Im Auftrag der Universitätsstadt Tübingen verwaltet sie das Hölderlinhaus. Das Haus am Neckar ist Museum, Gedenkstätte und Forum für wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen.

Die Pflege anderer Hölderlin-Gedenkstätten gehört ebenfalls zu ihren Aufgaben.

Für weitere Informationen können Sie sich gern an unsere Geschäftsstelle wenden:

Hölderlin-Gesellschaft
Geschäftsführung
Postfach 21 02 33
D-72025 Tübingen

Tel 07071 22040

info(at)hoelderlin-gesellschaft(dot)de