Hölderlin-Gesellschaft / Neues aus der Hölderlin-Gesellschaft
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Jahrestagung 2018 vom 24. bis 27.Mai in Tübingen: "Hölderlins Sprache"

Das Programm hier ab Februar 2018.

 

 

 

Ladislao Mittner-Preis für Elena Polledri

Am 14. September 2017 erhielten Prof. Dr. Elena Polledri von der Universität Udine und Dr. Carmela Lorella Bosco von der Universität Bari den Ladislao Mittner-Preis 2017 in Deutscher Literaturwissenschaft für ihre Verdienste im wissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Italien.

Die Vertreterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Dr. Gisela Schneider, überreichte den Preis in Anwesenheit der Botschafterin, Dr. Susanne Marianne Wasum-Rainer, im Rahmen der jährlichen Tagung des italienischen Germanistenverbandes (AIG), die im Istituto Italiano di Studi Germanici in Rom stattfand. Prof. Dr. Ulrich Gaier (Universität Konstanz) hielt die Laudatio.

Elena Polledri ist seit 2010 Mitglied des Beirats der Hölderlin-Gesellschaft und Sprecherin der italienischen Ortsvereinigung, die sie 2013 mit Prof. Dr. Luigi Reitani gründete. Seit 2014 ist sie zusammen mit Prof. Dr. Marco Castellari Herausgeberin der Zeitschrift Studia Hölderliniana.

Sie promovierte 2001 bei Prof. Dr. Ulrich Gaier mit einer Dissertation über Hölderlins Maß („Immer bestehet ein Maas…“. Der Begriff des Maßes in Hölderlins Werk, Würzburg, 2002). Sie war 2003-2006 Forschungsstipendiatin an der Universität Udine bei Luigi Reitani mit einem Projekt über Rainer Maria Rilke. 2007-2009 war sie Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Konstanz mit einem Projekt über die Übersetzung in der Goethezeit (Die Aufgabe des Übersetzers in der Goethezeit. Deutsche Übersetzungen italienischer  Klassiker von Tasso bis Dante, Tübingen, Narr,  2010).

Hölderlin, so erzählt sie, widmete sie zwei Monographien (1996, 2002), die Mit-Herausgeberschaft der kommentierten Ausgabe von Der Tod des Empedokles (Bompiani 2003), die Übersetzung von W. Waiblingers F. Hölderlin. Leben, Dichtung und Wahnsinn ins Italienische, zahlreiche Aufsätze und die „Hälfte des Lebens”, wie sie sagt.

Die Begründung der Auswahlkommission:

„Frau Prof. Dr. Elena Polledri hat eine deutsch-italienisch ausgerichtete Ausbildung mit großem Erfolg absolviert. Ihre wissenschaftliche Laufbahn weist ein breites Spektrum an Forschungsschwerpunkten auf, das von Goethe über Herder, Hölderlin, die Frühromantik bis zu Rilke und Celan reicht. Besonders hervorzuheben ist auch ihre Auseinandersetzung mit Fragen der inter- und transkulturellen Literaturforschung. Vor allem liefert ihre Monographie „Die Aufgabe des Übersetzers in der Goethezeit. Deutsche Übersetzungen italienischer Klassiker von Tasso bis Dante“ (2010) neue Einblicke in die Bedeutung der Übersetzungen im Sinne von Kulturtransfer, Poetologie und Kanonbildung. Darüber hinaus sind ebenfalls ihre herausragenden Studien zu Friedrich Hölderlin zu nennen („ ‚… immer bestehet ein Maas‘. Der Begriff des Maßes in Hölderlins Werk“, 2002), die richtungsweisende Impulse gegeben haben und den deutsch-italienischen Dialog wesentlich befördern.“

Der Ladislao Mittner-Preis wurde 2002 ins Leben gerufen und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. Er wird jährlich jungen italienischen Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern verliehen, die sich für die Stärkung des deutsch-italienischen Dialogs in ihrem Fach eingesetzt und mindestens ein herausragendes Werk mit inhaltlichem und/oder methodischem Deutschlandbezug veröffentlicht haben. Jährlich wird eine geisteswissenschaftliche Disziplin berücksichtigt: Philosophie, Geschichte, Literatur- und Sprachwissenschaft, Übersetzung, Politik-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft, Soziologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Pädagogik. Der Preis ist Ladislao Mittner gewidmet (1902-1975), der mit seinen Werk Storia della letteratura tedesca (Geschichte der deutschen Literatur, 1964-77) einen Meilenstein für die italienische Germanistik setzte.

 

 

zum Tod von Dietrich Uffhausen

Leben für Hölderlin

von Karl Corino

Er gehörte zu den Schülern Friedrich Beißners, die glaubten, nach der großen Stuttgarter Ausgabe des Meisters gäbe es bei Hölderlin editorisch nichts mehr zu tun. So entschloss er sich zunächst, über die Rede zu promovieren, die Robert Musil 1935 auf dem berühmt-berüchtigten „Kongress zur Verteidigung der Kultur“ in Paris gehalten hatte. In dessen Nachlass gab es umfangreiches Material, das auf Publikation wartete, aber da sich das Parallelunternehmen Adolf Frises über die Maßen verzögerte – die Edition der Musilschen Tagebücher als erster Teil der neuen Werkausgabe erschien erst 1976 – gab Uffhausen sein Projekt nach jahrelangen Vorarbeiten auf. Seine Ehe scheiterte daran. 

Ein Jahr zuvor, 1975, erschien der Einleitungsband Dietrich Eberhard Sattlers zu der großen neuen Hölderlin-Ausgabe im Verlag Roter Stern/Stroemfeld. Das Neue daran war, dass alle Texte Hölderlins im (damals noch schwarzweißen) Faksimile geboten wurden, so dass der Leser jeden Schritt des Herausgebers überprüfen konnte.

Der Haupteinwand Sattlers gegen Beißner war, dass er die späten hymnischen Entwürfe Hölderlins in unzulässiger Weise parzelliert und in kleinen Brocken offeriert hatte. Manchem, der die Handschriften Hölderlins nun erstmals in Reproduktion sah, leuchtete die Kritik Sattlers an Beißner sofort ein. Gleichzeitig bot Sattler aber neue Unmöglichkeiten, editorische Willkür, Beziehungswahn, ja geradezu dadaistische Anwandlungen, dass Uffhausen sofort klar war, nach Zinkernagel, Hellingrath und Beißner und neben Sattler waren in Sachen Hölderlin neue historisch-kritische Anstrengungen notwendig.

Ein Schlüsselerlebnis hatte er als Hilfsarbeiter der Tübinger Universtätsbibliothek. Es ging dabei um den berühmten Wäschezettel, auf dem sich neben der Rechnung der Waschfrau Stichworte des Herrn „Bübeletekars“ fanden. „Tende Strömfeld Simonetta“ begann die Liste, die auf den ersten Blick keinerlei System und Sinn erkennen ließ und schnell als Produkt des Wahnsinns abgetan werden konnte. Uffhausen hatte damals Zugang zu den Wörterbüchern und Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts und beim Blättern im Iselin stellte er fest, dass die scheinbar sinnlosen Vokabeln auf dem Wäschezettel alle als Lemmata in diesem Lexikon vorkamen. Sie hätten also Keimwörter neuer Dichtungen werden können. Da Beißner inzwischen verstorben war, wandte sich Uffhausen mit seiner Entdeckung an den Zürcher Germanisten Wolfgang Binder und promovierte bei ihm mit einer Dissertation vom Umfang einer Seminararbeit. Gewicht ging bei Binder vor Umfang, Sinn-Suche bei Uffhausen vor dem Blättern in den Symptom-Katalogen geistiger Krankheiten.

Was den „Wahnsinn“ Hölderlins angeht, war Uffhausen ein treuer Anhänger Pierre Bertauxs, der den politischen Hölderlin entdeckt hatte und viele der unübersehbaren Störungen auf Hölderlins Angst zurückführte, er könne wegen jakobinischer Umtriebe in den Hochverratsprozess seines Freundes Sinclair verwickelt werden. Uffhausen war der Überzeugung, dass erst die Behandlung in der Autenriethschen Klinik 1806/07 Hölderlin „närrisch“ gemacht habe. Autenriethsche Maske, Einreibung von fiebererzeugenden Kanthariden in Schnitte der Kopfschwarte, Drehstuhl-Schleudern, Zwangsjacke – diese damals üblichen Methoden erinnern heutige   Medizinhistoriker an Faustschläge auf einen defekten Automaten. Andererseits versuchen viele Bertauxianer die Defekte, wie sie Waiblinger schildert und wie sie der Hirnforscher Niels Birbaumer der klassischen Schizophrenie subsumiert – Zwangshandlungen, Stimmenhören –, zu bagatellisieren oder in Abrede zu stellen.

So waren die deutlich stigmatisierten Texte der zweiten Bad Homburger Zeit (1804 – 1806) für Uffhausen der Höhepunkt von Hölderlins Schaffen. Dieser hymnischen Spätdichtung widmete er seine schon äußerlich formatsprengende Edition vom „Bevestigten Gesang“ (Metzler 1989). Dabei ging er davon aus, dass die Texte dem Baugesetz der Pindarschen Hymnen folgten, und wo die Vers- und Strophen-Grenzen in den überbordenden Entwürfen Hölderlins nicht zu erkennen waren, zog er sie nach dem antiken Vorbild. Den Vorwurf einer petitio principii fürchtete er dabei nicht.

Eine paradoxe Wirkung hatte seine Edition auf das Konkurrenz-Unternehmen Sattlers. Der war, wie erwähnt, 1975 mit dem Verdikt angetreten, die Texte des sog. Homburger Folio-Hefts dürften nicht à la Beißner in kleine Stücke zerhackt werden. Nun, da sie Uffhausen integral ediert und interpretiert hatte, kehrte Sattler den Spieß bzw. das Hackebeil um und zerschlug das Material in noch kleinere Teile. Insofern ist Uffhausen bei dieser wichtigen Frage ein treuerer Lordsiegelbewahrer als der vielgepriesene und oftmals ausgezeichnete Sattler.   

„Die Linien des Lebens sind verschieden,“ mit diesem Vierzeiler aus der Turmzeit könnte man schließen. Er endet mit den metaphysische Wiedergutmachung versprechenden Zeilen: „Was  hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen/ Mit  Harmonien und  ewigem Lohn und  Frieden“.